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Der offenkundige Geburtenschwund ist in Deutschland nicht ein alarmierendes Phänomen, das erst in den letzten Jahren zutage trat, sondern bereits seit einhundert Jahren zu beobachten ist. Mit den Angaben des Statistischen Bundesamtes kann das stete Sinken der Geburtenzahlen eindrucksvoll nachgewiesen und in einer Grafik bei den neugeborenen Mädchen und Jungen veranschaulicht werden (s. Abb. 1[1]: Lebendgeborene Mädchen und Jungen in Deutschland 1872-1999). Seit 1872 sind immer mehr Jungen als Mädchen geboren worden. Diese Erkenntnis teilen wir weltweit mit vielen anderen Ländern (vgl. Knußmann 1996, S. 465). Zwischen 1872 und bis zur Jahrhundertwende steigen die Geburtenzahlen bei beiden Geschlechtern beachtlich an. Nach 1900 nehmen die angegebenen Geburtenraten bei beiden Geschlechtern nicht in allen ausgewählten Zeiträumen linear ab, aber im Ganzen doch einigermaßen kontinuierlich. Somit ist der Rückgang der Lebendgeburten für beide Geschlechter fast gleich hoch. Für den Zeitraum zwischen 1960 und 1980 ist ebenfalls ein beträchtlicher Rückgang bei den männlichen und weiblichen Neugeborenen festzustellen. Waren für die ersten beiden Jahrzehnte die niedrigen Geburtenraten in den Jahren 1915 bis 1919 als Auswirkungen des 1. Weltkrieges für das rapide Sinken in diesem Zeitabschnitt entscheidend, so dürfte die erstmals seit Anfang der sechziger Jahre relativ sichere Verhütung durch die Anti‑Baby‑Pille als ein wichtiger Grund für die erneute Beschleunigung der abnehmenden Geburtenzahlen auszumachen sein. Am Ende des 20. Jahrhunderts hat die Talfahrt der Lebendgeborenen beiderlei Geschlechts den augenfälligen Tiefststand seit 1872 erreicht. Nur noch 396.296 Jungen und 374.448 Mädchen wurden 1999 in Deutschland lebend geboren. Das heißt, nicht einmal die Hälfte der 1872 registrierten Geburtenrate wurde bei den weiblichen und männlichen Neugeborenen erreicht. Die Bevölkerungszahl wird nicht nur von den jährlichen Geburten, sondern auch von den Gestorbenenraten mitbestimmt. Wie haben sich nun in Deutschland zum gleichen Zeitpunkt die Angaben zu den Verstorbenen entwickelt?
Betrachtet man die Gestorbenenzahlen ab 1872 anhand der Grafik (s. Abb. 2: Gestorbene Frauen und Männer (ohne Totgeborene) in Deutschland 1872-1999), dann ergibt sich für die letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts eine ähnliche Entwicklung wie bei den Angaben zu den Lebendgeburten. Zunächst zeigt sich eine kleine Abwärtsphase, der jedoch eine deutliche Zunahme der Sterbeziffern für beide Geschlechter bis zur Jahrhundertwende folgt. Die Zahl der Gestorbenen nimmt zwischen 1880 und 1900 bei beiden Geschlechtern zunächst einmal zu. Um 1900 liegen mehr Sterbefälle bei den Männern als bei den Frauen vor. Nach 1900 nehmen die Gestorbenenzahlen bei beiden Geschlechtern drastisch ab. Insbesondere in den ersten zwei Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts ist dieser Rückgang als rapide zu bezeichnen. 1920 liegen die Angaben zu den Todesfällen bei Frauen und Männern am dichtesten beieinander. Zum ersten Mal in der bisherigen Verlaufskurve sind es mehr Frauen als Männer, die zu diesem Zeitpunkt verstorben sind. In den folgenden fünf Jahrzehnten ändert sich dieses „Missverhältnis“ zwischen den Geschlechtern jedoch wieder, wenn mehr Männer als Tote registriert werden. Erst ab Ende der sechziger Jahre verkehrt sich dieses geschlechtsspezifische Verhältnis erneut. Ab diesem Zeitpunkt gehen bis heute mehr weibliche als männliche Verstorbene in die amtliche Statistik ein. Diese Differenz vergrößert sich noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Es besteht kein Zweifel, dass in den letzten Jahrzehnten die Verstorbenenzahlen bei den Frauen wesentlich höher liegen als bei dem sogenannten „starken“ Geschlecht. Als ein wesentlicher Grund für die gestiegenen Gestorbenenzahlen der Frauen ist die höhere Lebenserwartung des weiblichen Geschlechts anzusehen, die seit den 70er Jahren mehr als sechs Jahre, bezogen auf die Neugeborenen, gegenüber den Männern ausmacht. Die Diskrepanz zwischen der höheren weiblichen Gestorbenenrate und der niedrigeren Sterberate der Männer ist heute noch an einer weiteren Erkenntnis festzumachen: Männer sterben von Geburt an häufiger als Frauen. Ein Einblick in die Statistik des Jahres 1999 gibt detaillierte Hinweise.
Diese Erkenntnis ohne Hintergrund der statistischen Daten mag zunächst überraschen. Mithilfe der dritten Grafik wird sie verdeutlicht (s. Abb. 3: Gestorbene in Deutschland nach Alter und Ge-schlecht 1999). Bis ins Seniorenalter liegt die Sterberate des männlichen Geschlechts stets höher als die der Mädchen und Frauen. Gleich zu Beginn des Lebens, am Tage der Geburt, sterben mehr Jungen als Mädchen. Diese Tendenz ist auch nach sieben Lebenstagen zu beobachten. Am Ende des Säuglingsalters waren es ebenfalls mehr Jungen als Mädchen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht überlebten. Dieser Trend, dass mehr Jungen und Männer als Mädchen und Frauen sterben, setzt sich kontinuierlich bis zum 40. Lebensjahr fort. Danach steigt die Überzahl der toten Männer von knapp 4.000 zwischen 40 und 45 Jahren bis 25.000 zwischen 65 und 70 Jahren unverkennbar hoch an. Erst ab 75 Jahren wächst die Zahl der toten Frauen vergleichsweise; sie steigt ‑ wie in der Grafik gut zu erkennen ist – sprunghaft an: von knapp 13.000 bis etwas mehr als 60.000 im 85. bis 90. Lebensjahr. Danach verringert sich der Überschuss an weiblichen Verstorbenen rapide: von etwa 45.000 bis 121 zwischen dem 105. und 110. Lebensjahr. Allerdings waren es 1999 zwei Vertreter des männlichen Geschlechts, die zwischen dem 110. und 115. Lebensjahr starben und somit damals die ältesten Bürger Deutschlands wurden. Der geschlechtsspezifische Unterschied bei den Sterbedaten, der hier beispielhaft an den neuesten Angaben des Statistischen Bundesamtes aufgezeigt wurde, lässt sich freilich ebenso an den Daten vergangener Jahre belegen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Das Übergewicht der männlichen Toten in der frühkindlichen Entwicklung spricht für eine genetisch bzw. chromosomal bedingte, weniger robuste Konstitution. Hat daher Rainer Knußmann recht, wenn er Anfang der achtziger Jahre seinem Buch den Titel „Der Mann ‑ ein Fehlgriff der Natur“ gab? In der Adoleszenz sterben mehr junge Männer als junge Frauen durch Verkehrsunfälle und Suizid. So lag im Jahresdurchschnitt zwischen 1994 und 1998 in Deutschland die Sterberate durch Verkehrsunfälle bei den Männern in der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren mehr als dreimal so hoch wie bei den gleichaltrigen Mädchen und jungen Frauen. Ebenso übertrifft in derselben Altersgruppe die männliche Selbstmordrate mehr als das Dreifache der Angaben, die bei den 15‑ bis 24‑jährigen Frauen registriert wurden (vgl. Eurostat 2001, Europäische Gemeinschaften, 11/2001). Bei den Männern ist ferner das Risikoverhalten mehr und bei den Frauen das Gesundheitsbewusstsein besser ausgeprägt, was beim männlichen Geschlecht zu den schlimmsten Folgen, z.B. dem frühzeitigen Tod, führen kann. Schließlich kommt die seit dem letzten Jahrhundert beachtlich angestiegene Lebenserwartung der Frauen im Seniorenalter zum Tragen, wenn so viele von ihnen 80 und 100 Jahre alt werden. Die Abbildung veranschaulicht unsere These, dass der Tod der zuverlässige Freund und treue Begleiter des Mannes von der Geburt an ist. Nachdem ein kurzer Überblick über die Geborenen‑ und Gestorbenenzahlen gegeben wurde, bleibt zu klären, wie sich das Verhältnis dieser Daten in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Somit stellt sich die Frage nach dem Überschuss der Geborenen oder der Gestorbenen in unserem Land. Die nächste Überschrift kündigt bereits das Ergebnis unserer Datenrecherche an.
Das natürliche Wachstum einer Bevölkerung errechnet sich aus der Differenz von Geborenen und Gestorbenen eines Jahres, sofern die Geburtenzahl die Anzahl der Sterbefälle übertrifft. Die folgende Tabelle (s. Tab. 1) gibt Aufschluss über einen Zeitraum von über einhundert Jahren (1895‑1999). Es werden die Verhältniszahlen je 1.000 Einwohner für die Lebendgeborenen, Gestorbenen und den Überschuss der Geborenen bzw. der Gestorbenen angegeben. Tab.1: Lebendgeborene
und Gestorbene in Deutschland (1895‑1999): Verhältniszahlen
Wie der Tabelle zu entnehmen ist, wurden in Deutschland,
bezogen auf 1.000 Einwohner, von 1895 bis einschließlich 1971 mehr Kinder
geboren als Personen starben. Somit kann man bis zum damaligen Zeitpunkt von
einem Geborenenüberschuss oder von einem natürlichen Wachstum der deutschen
Bevölkerung sprechen, das sich allerdings in den angegebenen Jahren
kontinuierlich verringert: von +14,0 bis auf +0,6 je eintausend Einwohner. Ab
1972 liegt der Gestorbenenüberschuss zwischen ‑0,8 und ‑1,4, wobei
die jeweilige Höhe der Jahresangaben variiert. Für 1999 und 2000 wird er
jeweils mit ‑0,9 pro 1.000 Einwohner Schaut man sich den fortschreitenden Rückgang der Lebendgeborenen‑ und Gestorbenenzahlen an, dann fällt insbesondere das Jahr 1940 auf. Denn in diesem ersten 12‑monatigen Kriegsjahr werden sowohl mehr Kinder geboren als auch mehr Tote registriert als vergleichsweise 1930. Ob diese erhöhte Geburtenzahl ‑ auch im Vergleich mit den folgenden Jahrzehnten ‑ auf die in den 30er Jahren vorherrschende Propaganda des Nationalsozialismus und die daraus resultierenden politischen Entscheidungen zurückzuführen ist oder ob erste Verunsicherungen und Ängste am Beginn des 2. Weltkrieges zu dem außergewöhnlichen Babyboom als mögliche Ursachen anzusehen sind, kann hier nur als Hypothese formuliert werden. Bei der im Vergleich mit 1930 und 1950 erhöhten Zahl der Gestorbenen pro 1.000 Einwohner im Jahre 1940 ist wohl ebenfalls an die Folgen des Kriegsjahres zu denken, wenn auch die Sterbefälle von Wehrmachtsangehörigen nicht, wie ausdrücklich angemerkt wird, in die genannte Zahl (12,7) eingegangen ist. 1999, das letzte in der Tabelle genannte Jahr, ist gekennzeichnet durch den erneuten Gestorbenenüberschuss im Verhältnis von 9,4 Geburten und 10,3 Sterbefällen je 1.000 Einwohner. Dass die Überschüsse der Verstorbenen in den letzten drei Dezennien durchaus unterschiedlich ausfallen, mag an den berichteten Grundzahlen des Statistischen Bundesamtes abgelesen werden: Tab. 2:
Überschuss der Gestorbenen seit 1975
Quelle: Statistisches Bundesamt, Mitteilung für die Presse v. 18.07.2000
Nach diesen Angaben liegen Mitte der siebziger, achtziger und neunziger Jahre die Gestorbenenzahlen gegenüber den Geburten in Deutschland am höchsten. 1990 fällt der Überschuss der Gestorbenen mit knapp 16.000 Personen am geringsten aus. Die anderen dokumentierten Gestorbenenüberschusszahlen reichen von 48.000 bis 87.000 Verstorbenen, die den Lebendgeburtenangaben gegenüberstehen. Wie sind diese Befunde mit denen anderer Länder einzuschätzen? Welche Position nimmt Deutschland im Vergleich mit den anderen Staaten der Europäischen Union ein? Die neuesten Vergleichszahlen von Eurostat werden in der nachfolgenden Tabelle (s. Tab. 3) zusammengefasst.
Tab.
3: Überschuss der Geborenen bzw. Gestorbenen in den EUStaaten
(1990‑1999): Verhältniszahlen
Für vier Länder der Europäischen Union lassen sich in den Jahren 1998 und 1999 Gestorbenenüberschüsse nachweisen: Griechenland, Italien, Schweden und Deutschland. Insgesamt betrachtet hat Deutschland nicht nur das höchste Geburtendefizit, sondern es ist in diesem EU‑Staat auch am längsten vorhanden. Zu den Ländern, die über den höchsten Geburtenüberschuss der beiden letzten angegebenen Jahre verfügen, zählen Irland, die Niederlande, Luxemburg und Frankreich. In diesen EU‑Staaten ist noch von einem respektablen natürlichen Bevölkerungswachstum auszugehen. Während der Durchschnittswert der Europäischen Union (1999: +0,7) eben noch im positiven Bereich der Bevölkerungsentwicklung angesiedelt ist, fragt es sich, ob der geringe Geburtenüberschuss in Zukunft noch gehalten werden kann. Denn die meisten der noch nicht genannten Länder (Belgien, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Österreich) lassen einen weiteren Abwärtstrend bei den Geburtenziffern erkennen. Kehren wir zur allgemeinen Bevölkerungsentwicklung in Deutschland zurück, so gilt es, noch ein weiteres Merkmal in die Gesamtbetrachtung mit einzubeziehen: die jährlichen Zuwanderungszahlen. Denn mithilfe des Zuwanderungsüberschusses können die Sterbefallüberschüsse nicht nur kompensiert werden, sondern einem Land sogar zur Bevölkerungszunahme in einem Berichtsjahr verhelfen. Allerdings hat ein Zuwanderungsüberschuss, wenn er unter dem erzielten Gestorbenenüberschuss liegt, zur Folge, dass es schließlich zu einer endgültigen, d. h. realen Bevölkerungsabnahme kommt. Diese letztere Möglichkeit trat in Deutschland ein, als 1998 der Sterbefallüberschuss ‑67.000 Personen betrug und dem nur ein Zuwanderungsüberschuss von +47.000 gegenüberstand. Folglich hatte in diesem Berichtsjahr unsere Bevölkerung real um 20.000 Personen abgenommen. In den übrigen Jahren zwischen 1991 und 1999 konnten die Zuwanderungsüberschüsse die Sterbefallüberschüsse mehr als ausgleichen. Die Bevölkerungszunahme in unserem Lande lag in den neunziger Jahren zwischen 45.200 (1997) und 700.100 (1992) Personen. Dass Deutschland für ein weiteres Bevölkerungswachstum weiterhin auf ansehnliche Zuwanderungsraten angewiesen ist, ist nunmehr unschwer zu erkennen. Ob dieses Ziel in nächster Zeit durch eine fortschrittliche, d.h. auch fremdenfreundliche Zuwanderungspolitik erreicht wird, muss indes bezweifelt werden, wenn allein das besondere Interesse auf die zeitlich begrenzte Anwerbung von ein paar Tausend Computerspezialisten und Facharbeitern beschränkt bleiben sollte. Diese Skepsis wird noch durch die Mitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 18.10.2001 unterstrichen, wenn die Bevölkerungszunahme im Jahr 2000 gegenüber dem Vorjahr als „abgeschwächt“ bezeichnet wird. Wörtlich wird festgestellt: „Das geringere Bevölkerungswachstum geht auf einen gegenüber 1999 kleineren Zuwanderungsüberschuss zurück: Im Jahr 2000 zogen 167.000 Personen mehr nach Deutschland als das Bundesgebiet verließen (1999: 202.000). Mit Ausnahme von 1997 und 1998 war in den neunziger Jahren der Zuwanderungsüberschuss meist erheblich höher.“ Auch diese Erkenntnisse führen zu der Frage nach den Ursachen für ein vermindertes Bevölkerungswachstum, insbesondere für die schon länger zu beobachtende Geburtenabnahme, in Deutschland. Sie soll im letzten Teil der Ausführungen angesprochen werden. Ebenso sollen einige Leitlinien für politischen Handeln skizziert werden.
Seit 1972 sind bei uns die jährlichen Geborenenzahlen niedriger als die entsprechenden Sterberaten, sodass ab diesem Zeitpunkt nicht mehr von einem natürlichen Wachstum unserer Bevölkerung gesprochen werden kann. Zwar war es bis heute möglich, außer 1998 das reale Bevölkerungswachstum jedesmal durch die erzielten Zuwanderungsüberschüsse nicht nur auszugleichen, sondern auch weiter zu steigern. Aber es ist gegenwärtig absehbar, dass die Zuwanderungszahlen deutlich abnehmen und daher der derzeitige Bevölkerungsstand von 82 Millionen Deutschen nicht mehr zu halten ist, wenn langfristige Maßnahmen der politisch Verantwortlichen ausbleiben. Zur Zeit jedenfalls hat Deutschland als bevölkerungsreichster EU‑Staat die längsten und größten Nachwuchsprobleme. Wenn immer weniger Kinder geboren werden, so hat dies für ein Volk unbestreitbare Nachteile, die hier nicht alle genannt, geschweige denn behandelt werden können. Sie erschöpfen sich keineswegs in Problemen, die sich hieraus für die gesetzliche Rentenversicherung ergeben, wie sie vorwiegend in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Fragen wir an dieser Stelle nach einigen Ursachen, die dazu führen, dass wir schon heute nicht mehr von dem vertrauten Bild der Alterspyramide sprechen, sondern uns auf zwei neue Bilder, die Alterstanne und später den Alterspilz, einzustellen haben. Deutschland steht mit dieser Bevölkerungsentwicklung nicht allein da. Aber auch im Vergleich mit den anderen EU‑Staaten werden bei uns im Hinblick auf die erreichte Bevölkerungszahl zu wenig Kinder geboren, um wenigstens den Stand der natürlichen Bevölkerungsentwicklung zu halten. Dank der noch steigenden Lebenserwartung (2000: Frauen: 80,6 J.;Männer: 74,4 J. bei der Geburt) wird die Zahl der älteren Bürgerinnen und Bürger weiterhin kräftig zunehmen. Sollte die Alterstruktur unserer Gesellschaft erhalten bleiben, dann müsste jede deutsche Frau im gebärfähigen Alter drei bis vier Kinder zur Welt bringen. Aus statistischer Sicht gebaren deutsche Frauen 2000 jedoch nur 1,3 Kinder ‑ eine Zahl, die sichtbar unter der Gesamtfruchtbarkeitsrate der EU (1,5) liegt. Eine drastisch zu steigernde Geburtenerhöhung ist jedoch unrealistisch, zumal die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Erziehung mehrere Kinder in einem Haushalt in mehrfacher Hinsicht nicht allzu günstig sind. Ist unsere Gesellschaft schon deshalb zur Vergreisung verdammt und der weitere Rückgang der Bevölkerungszahl bereits vorprogrammiert? In der japanischen Gesellschaft finden momentan ähnliche Veränderungen wie bei uns statt. Die Gesamtfruchtbarkeitsrate für Japan, die nach den USA zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, betrug im Jahr 2000 1,4 Kinder pro Frau im reproduktiven Alter. Die jährliche Lebendgeburtenrate sinkt seit geraumer Zeit. Nach dem letzten Stand der Volkszählung im Jahre 2000 (vgl. FAZ vom 02.11.2001) ist die japanische Bevölkerung nur noch um 1,1 Prozent gewachsen. Der Anteil älterer Menschen nimmt auch in diesem Land beträchtlich zu ‑ infolge einer weltweit herausragenden Lebenserwartung (2000: Frauen: 84,8 J.; Männer: 77,4 J. bei der Geburt). Wie in Deutschland heiraten auch die Japanerinnen im Schnitt später als in früheren Jahren. Die Familienplanung hat sich ebenfalls weiter nach hinten verschoben und liegt heute im Mittel bei über 30 Jahren. Als Gründe für die japanische Babyflaute werden ähnlich wie bei uns Unsicherheiten im Arbeitsleben, höhere Ausgaben für den Bildungserwerb und generell für den Lebensunterhalt angegeben. Die Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzen, wird auch in Japan zunehmend zu einer Kostenfrage, vor der immer mehr Paare zurückschrecken. Als ein positives Beispiel für ein natürliches Bevölkerungswachstum gilt zur Zeit Frankreich. Unter den EU‑Staaten hält es mit Irland den Spitzenplatz, wenn in beiden Ländern 1,9 Kinder pro Frau 2000 errechnet werden. Auch in der Lebenserwartung bei der Geburt behaupten die französischen Frauen mit den Spanierinnen den ersten Platz (82,7 Jahre), und die französischen Männer (75,2 Jahre) liegen über dem Durchschnittswert der Europäischen Union mit 74,9 Jahren bei der Geburt im Jahre 2000 (vgl. Eurostat 2001). Die Mütter waren im Nachbarland 1999 mit durchschnittlich 29,3 Jahren älter als die deutschen Frauen (28,6 Jahre) zum Zeitpunkt der ersten Geburt. Der prozentuale Anteil der nichtehelichen Lebendgeborenen lag um das Doppelte bemerkenswert höher, wenn für dasselbe Jahr 42 Prozent für Frankreich und 22 Prozent für Deutschland angegeben werden (vgl. Europäische Gemeinschaften, 15/2001). Diese Daten scheinen die häufig zu hörenden Behauptungen zu widerlegen, dass später Kinderwunsch oder nichteheliche Partnerschaften sich negativ auf das natürliche Bevölkerungswachstum auswirken würden. Aber dies sind nur zwei in unserem Zusammenhang bedeutsame Aspekte, die noch einer weiteren Prüfung bedürfen. Vor allem fällt in Frankreich auf, dass der Staat seit langem seine Familien finanziell fördert und durch familienersetzende bzw. –ergänzende Einrichtungen in früher Kindheit unterstützt, indem wie nirgendwo anders überdurchschnittliche Kinderfreibeträge und eine ansehnliche Summe Kindergeld zur Verfügung gestellt werden. Bewährt hat sich in diesem Land das Kinderbetreuungsangebot vom Kleinkindalter (crèche, école maternelle) bis zum Schulsystem, das als Ganztagsangebot konzipiert ist. Man kann sich vorstellen, dass junge berufstätige Frauen, deren Partner zudem bereit sind, sich an den Familienaufgaben angemessen zu beteiligen, sich umso eher entschließen, ein Kind oder sogar mehrere in die Welt zu setzen, als dort, wo diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Hier dürften auch die künftigen Aufgaben einer fortschrittlichen Familien‑, Sozial‑ und Bildungspolitk in Deutschland liegen, indem Bund, Länder und Kommunen den Familien und anderen Lebensgemeinschaften ein einander ergänzendes Angebot machen, das gerade den Forderungen und Wünschen berufstätiger Frauen entspricht. Denn die meisten jungen Frauen sind heute durchaus bereit, Berufstätigkeit und Familienleben miteinander zu verbinden. Inzwischen haben einige staatliche Stellen solche Zielperspektiven erkannt und erste Maßnahmen eingeleitet. Aber die bisherigen Aktivitäten reichen sicherlich nicht aus, um das natürliche Bevölkerungswachstum in Deutschland nach 30 Jahren kurz‑ oder längerfristig wieder zu erreichen. Zusammenfassung
Einige wenige Ergebnisse dieses Beitrags werden in aller Kürze zusammengefasst, um abschließend noch einmal auf einzelne, besonders hervorstechende Erkenntnisse aufmerksam zu machen. ·
1900 erzielt
Deutschland den Höchststand von etwa 2 Millionen Lebendgeborenen, der noch
weitere acht Jahre auf diesem hohen Niveau fortbesteht. Danach sinken die
Geburtenraten unaufhörlich in der dargestellten Zeittafel. Es werden zu jeder
Zeit mehr Jungen als Mädchen geboren. Angesichts der hohen
Sterblichkeitsziffern des Mannes bis zum Seniorenalter erscheint eine solche
Bevorzugung nicht nur gerechtfertigt, sondern auch angesichts der hohen
Mortalitätsraten des männlichen Geschlechts in Kindheit, Jugend und
Erwachsenenalter notwendig. ·
Seit der
vorletzten Jahrhundertwende nehmen ebenso wie die Geburten die Sterbefälle
kontinuierlich ab: in den ersten beiden Dezennien mehr bei den Männern als bei
den Frauen. 1919 und 1920 überwiegt kurz die Anzahl der weiblichen Toten.
Danach dominieren wieder die männlichen Sterberaten bis Ende der sechziger
Jahre. Ab 1970 sterben in einem beachtlichen Ausmaß mehr Frauen als Männer.
Hier macht sich offensichtlich die bei beiden Geschlechtern gestiegene, aber bei
den Frauen höher liegende Lebenserwartung bemerkbar, die zwischen 1880 und 1950
immerhin drei bis vier Jahre ab Geburt ausmacht. ·
Betrachtet man
das Alter der Gestorbenen unter geschlechtsspezifischem Blickwinkel, so wird
erkennbar, dass Jungen und Männer unter den Toten bis zum Seniorenalter
dominieren. Erst ab dem 70. Lebensjahr überwiegen fortan die Frauen bei den jährlichen
Gestorbenenzahlen. Außer der unterschiedlichen Sozialisation und Lebenserwartung
beider Geschlechter spielen u. a. voneinander abweichendes Risiko‑ und Präventionsverhalten,
aber, wie genauso zu vermuten ist, biologische Einflussfaktoren eine nicht
unerhebliche Rolle dabei, dass der Tod als ein bevorzugter Freund des Mannes
anzusehen ist, der ihn von Geburt an begleitet und zuschlägt, wann auch immer
es ihm möglich ist. ·
Im Vergleich
mit den anderen EU‑Staaten ist Deutschland das Land, das am längsten die
größten Nachwuchsprobleme aufweist. Seit 1972 starben bei uns mehr Menschen
als Kinder geboren wurden. Seitdem hat es kein natürliches Bevölkerungswachstum
mehr gegeben. Dass dennoch am Ende ein reales Bevölkerungswachstum zustande
kam, verdanken wir allein den jährlichen Zuwanderungsüberschüssen. Da sich
auch die Migrantenzahlen inzwischen geändert haben, ja deutlich nach unten
korrigiert werden mussten, bleibt zu fragen, wie dem zu erwartenden Bevölkerungsschwund
abgeholfen werden kann. ·
Vor allem der
Vergleich mit unserem Nachbarland Frankreich führt zu Erkenntnissen, die auch
bei kritischer Betrachtung der dort anzutreffenden Vorteile den Hintergrund für
individuelles und politisches Handeln abgeben können. Sie sind zum einen
geeignet, altbekannte Vorurteile bei uns abzubauen, zum anderen auf mehreren
Ebenen der Politik neue Strategien zu entwickeln. Wird der momentane Zeitpunkt für
weitreichende Initiativen jedoch versäumt, dann wird es nicht mehr lange
dauern, bis Deutschland als der zurzeit bevölkerungsreichste
EU‑Mitgliedsstaat nicht zuletzt von Frankreich in seiner Spitzenstellung
abgelöst würde. Literatur
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Geburten, S. 32
Eickenberg, H.‑U. und Hurrelmann, K. (1997). Warum fällt die Lebenserwartung von Männern immer stärker hinter die der Frauen zurück? Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 17, 118‑134Europäische Gemeinschaften (2001). Todesursachen bei jungen Menschen von 15 bis 24 Jahren, 1994/1997, 11. InternetpublikationEuropäische Gemeinschaften (2001). Erste Ergebnisse der Erhebung von Bevölkerungsdaten für 2000 in Europa, 15. InternetpublikationEurostat Jahrbuch (2001). Hrsg. vom Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften. LuxemburgFrankfurter
Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 11.10.2001. Geburtenrate in Frankreich steigt.
Mehr Kinder als in Deutschland, S. 13
Frankfurter
Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 02.11.2001. Mehr Rentner als Kinder in Japan, S. 13
Kluge,
N., Hippchen, G. und Kaul, M. (2000). Das Körperkonzept der Deutschen.
Frankfurt/M., Berlin, Bern
Knußmann,
R. (1982). Der Mann ‑ ein Fehlgriff der Natur. Hamburg
Knußmann,
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Otto,
J. (Hrsg.) (1993). Die älter werdende Gesellschaft ‑ Deutsche
Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft. 27. Arbeitstagung vom
25.‑27.02.1993. Wiesbaden
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Bundesamt (1999). Mitteilung für die Presse vom 18.07.2000: Leichte Bevölkerungszunahme
Statistisches
Bundesamt (2001). Mitteilung für die Presse vom 18.10.2001: Bevölkerungszunahme
2000 abgeschwächt
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Deutschland 1992‑2001
Wittwer‑Backofen, U. (1999). Disparitäten der Alterssterblichkeit im regionalen Vergleich. Biologische versus sozioökonomische Determinanten. Regionale Studie für den Raum Hessen. Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, 95. Wiesbaden
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