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Partnerwahl - Immer der Nase nach

Mit neuen Ansätzen versuchen Biologen zu ergründen, wie Mensch und Tier den richtigen Partner finden. Dass Promiskuität dem Nachwuchs zugute kommt, und es in Wahrheit die Weibchen sind, deren Selektionsdruck dafür sorgt, wie Männchen aussehen und sich aufführen - das sind nur zwei der verblüffenden Erkenntnisse

Eine Frau betritt den Raum und setzt sich an einen Tisch, auf dem sieben Kartons stehen. Sie hebt jeden einzelnen an die Nase, riecht gründlich an einem dreieckigen Loch in der Oberseite und notiert etwas auf einem Block. Kurz nachdem sie gegangen ist, werden die sieben Boxen durch neue ersetzt, und eine zweite Frau tritt ein, nimmt ebenfalls am Tisch Platz und wiederholt die Prozedur.

Nicht nur in simplen Statussymbolen, sondern letztlich sogar in Malerei, Musik, Dichtung sehen Forscher Werbe-Aufwendungen von Männern, um Frauen zu gefallen

Die Szene spielt nicht etwa in der Marktforschungsabteilung eines Parfümherstellers, sondern in einem Labor der Universität Bern, wo Claus Wedekind testen lässt, wie Frauen auf verschwitzte T-Shirts reagieren - auf T-Shirts aus 100-prozentiger Baumwolle, die Männer zuvor an zwei aufeinander folgenden Nächten getragen haben. Wedekind hat dabei herausgefunden, dass Frauen eine Vorliebe für bestimmte Schweiß-Gerüche haben. Am attraktivsten, sagt er, finden sie den Duft des Mannes, der sich von ihnen in einem Punkt möglichst stark unterscheidet: in der Mischung der Immun-Gene. Nur: warum?

Ursprünglich hatte sich der Schweizer Zoologe dafür interessiert, warum Fisch-Weibchen ein bestimmtes Männchen als Partner mögen und ein anderes ablehnen. Er hatte dabei den Verdacht, dass es die Immun- oder MHC-Gene sind, die identifizierbare Signale aussenden und dadurch die weibliche Entscheidung beeinflussen.

Die Gene des Major Histocompatibility Complex, kurz MHC, gehören zu den vielfältigsten überhaupt. Wie ein molekularer Fingerabdruck unterscheiden sie sich von Fisch zu Fisch, von Mensch zu Mensch und unterstützen einen Organismus dabei, die eigenen Zellen von fremden zu unterscheiden und Krankheitserreger auszumachen.

Weil die menschlichen Immun-Gene besser erforscht sind als die von Fischen, und weil Frauen reden und ihre Wahl begründen können, wechselte Wedekind zu Homo sapiens, dem geeigneteren "Versuchs-Tier". "Menschen haben uns nur als Modell-Spezies gedient, um eine grundsätzliche Frage der Evolutionsbiologie zu klären", sagt Wedekind. Die Frage lautet: Was wollen die Frauen?

Die Suche nach Antworten verlangt, wovor Wissenschaftler sich gewöhnlich hüten: einen gelegentlichen Blickwechsel vom Menschen zum Tier und zurück, quasi einen Informationsaustausch von Art zu Art darüber, wie Weibchen anderer Spezies eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben treffen: die Wahl ihres Partners.

Labormäuse demonstrieren zum Beispiel bei der Fahndung nach dem Richtigen geradezu unwahrscheinliche Fähigkeiten der Qualitätskontrolle. Obgleich die Nager von wenigen Gründer-Eltern abstammen, und jedes Tier einer Kolonie nach Generationen mit jedem anderen eng verwandt ist, erzeugen ihre MHC-Gene ganz individuelle Duftnoten. Daran merken Mäuseweibchen, ob ein Bewerber immunologisch für sie in Frage kommt. Das heißt, ob er ihnen "zu ähnlich" und daher zum Begatten untauglich ist, oder ob er "fremd genug" riecht und es somit verdient, eine Mäusefamilie zu gründen.

Was genau die Mäuschen schnuppern, wissen Forscher nicht. Fest steht jedoch, dass es sich um einen chemischen Abdruck des MHC handelt. Rund 100 MHC-Gene unterstützen ein Säugetier bei der Abwehr von Pathogenen. Sie statten es mit einer Protein-Kartei aus, in der die Täter-Profile der Erreger verzeichnet sind, mit denen seine Eltern und es selbst Kontakt gehabt haben. Eindringlinge werden von MHC-Detektoren identifiziert und ans Immunsystem gemeldet, das seine Truppen losschickt.

 

Klüger wählen ohne Pille

Eine weibliche Maus, die das Protein-Register eines potenziellen Partners entschlüsselt, sichert ihrem Nachwuchs lebenswichtige Informationen. Aber die nützen nur etwas, wenn die künftige Mäusemutter auch die eigene Resistenz kennt. Den "idealen" Mann schlechthin gibt es für Mäusefrauen nicht. Es gibt nur einen, der ihr spezifisches Resistenz-Spektrum auf ideale Weise erweitert. Erst die Kombination aus zwei von einander abweichenden "Kompetenzen", ihrer und seiner, schafft ein völlig neues Immunprofil und gibt den gemeinsamen Kindern den nötigen Vorsprung im Wettlauf gegen die gängigen Krankheitserreger, deren rasches Anpassungstempo alle höheren Organismen ständig in Trab hält.

Welchen Duft es bei der Wahl des Begatters zu meiden gilt, lernen Mausweibchen von Geburt an: Es ist der Stallgeruch. Aber wie sie ihn beurteilen und wie dagegen ein akzeptabler oder gar optimaler Partner riecht, können Nagetiere den Wissenschaftlern nicht verraten. Diese Auskunft hat der Berner Forscher Wedekind einem anderen Säugetier entlockt: eben dem Menschen. Denn auch wir können Immun- oder Resistenz-Gene riechen.

Wedekind hat 44 Berner Studenten der Chemie, Physik und Geographie mit sehr unterschiedlichen MHC-Profilen ausgesucht. Sie wurden gebeten, sich während der Versuchsphase nur mit parfümfreier Seife zu waschen und auf stark riechende Speisen, Zigaretten, Alkohol und Sex zu verzichten. Zur anonymisierten Schnupperprobe meldeten sich 49 Studentinnen der Biologie und Psychologie. Auch sie mussten sich auf das Experiment vorbereiten: 14 Tage lang benutzten sie ein Spray, das die Regeneration der Nasenschleimhaut unterstützt und Schnupfen verhindert. Und um ihre Duftwahrnehmung zu sensibilisieren, erhielten sie alle ein Exemplar von Süskinds Roman "Das Parfüm".

Drei der sieben Kartons, an denen jede schnüffeln musste, enthielten T-Shirts von Männern mit unähnlichen MHC-Genen. In einem Karton befand sich, zur Kontrolle, ein ungetragenes T-Shirt.

Wie oft in der Biologie galt für Menschen, was für Mäuse gilt: Zwar mochten die Frauen den Duft von Männern mit abweichendem Immun-Profil am liebsten. Aber keiner der Kandidaten erschien allen gleich begehrenswert. Jede Testerin fand einen anderen Resistenz-Typ sexy. Einige meinten sogar, dass der Duft sie an ihren Freund erinnere.

Die Ähnlichkeit zwischen Mäusen und Menschen reicht jedoch weiter. Wenn Weibchen trächtig sind, kehrt sich ihr Duft-Urteil um, und sie bevorzugen Männchen mit ähnlichen MHC-Genen, also Verwandte, die bei der Pflege der Jungen helfen.

Frauen in Wedekinds Studie, die mit der Pille verhüteten und daher einen erhöhten Östrogenspiegel hatten - als ob sie schwanger wären -, fühlten sich ebenfalls zu Männern mit einem dem ihren ähnlichem MHC-Duft hingezogen. Die Pille verhindert demnach nicht nur, dass eine Frau schwanger wird, sondern sabotiert womöglich die biologisch klügste Wahl: einen Partner, dessen Immun-Profil das ihre ergänzt. "Je größer die Diversität der MHC-Gene, die ein Kind von seinen Eltern mitbekommt", sagt der Berner Zoologe, "umso wirksamer kann es Erreger abwehren."

Dass unser Immunsystem einen Duft hat, dass Frauen ihn wahrnehmen können, dass sie sich bei der Partnersuche daran orientieren, dass eine Fehlentscheidung Einfluss darauf hat, ob ein befruchtetes Ei heranwächst und ein gesundes Kind zur Welt kommt - das sind sensationelle und eigentlich überfällige Erkenntnisse. Wir verdanken sie einer weltweiten Anstrengung von Biologen in Labors und Feldstationen, die endlich nachholen wollen, was lange versäumt worden ist. Seit etwa zehn Jahren erkunden sie eine treibende Kraft der Evolution, die bereits Charles Darwin ins Grübeln gebracht hatte. Die funkelnden Augenfächer von Pfauen, die paarigen Geweihkronen der Hirsche wirkten wie eine burleske Variation der von ihm propagierten "natürlichen Selektion". Im Widerspruch zu deren strenger Auslese, die nur durchgehen lässt, was fürs Überleben vorteilhaft ist, haben vor allem männliche Tiere auffällige Merkmale entwickelt.

Was genau die Mäuschen schnuppern, wissen Forscher nicht. Fest steht jedoch, dass es sich um einen chemischen Abdruck des MHC handelt. Rund 100 MHC-Gene unterstützen ein Säugetier bei der Abwehr von Pathogenen. Sie statten es mit einer Protein-Kartei aus, in der die Täter-Profile der Erreger verzeichnet sind, mit denen seine Eltern und es selbst Kontakt gehabt haben. Eindringlinge werden von MHC-Detektoren identifiziert und ans Immunsystem gemeldet, das seine Truppen losschickt.

 

Seitensprünge sind die Regel

Ob rote Lätzchen bei Buchfinken, eine Riesenschere bei Winkerkrabben oder rituelle Dolby-Surround-Serenaden aus dem Froschteich - sie mussten eine eigene, wichtige Funktion haben, folgerte der Begründer der Evolutionstheorie. Die maskulinen Extravaganzen mussten als Trumpf in einem Konkurrenzkampf stechen, bei dem es nicht um Leben oder Tod geht, sondern darum, die Mitbewerber abzuhängen und von einer kritischen weiblichen Jury zur Fortpflanzung ausgewählt zu werden. "Sexuelle Selektion" nannte Darwin 1871 diesen Prozess der Auslese.

Seine Theorie der weiblichen Wahl erlebt ein spätes, überwältigendes Comeback. Dornröschen ist wachgeküsst worden und "beweist in den Forschungsberichten des ausgehenden 20. Jahrhunderts, dass sie", wie Sarah Blaffer Hrdy von der University of California in Davis konstatiert, "alles andere als passiv und scheu ist und durch ihre Entscheidungen sogar den Kurs evolutionärer Veränderungen bestimmt."

Schlagwörter wie "weibliche Wahl", "weibliche Kontrolle", "weibliche Strategien" sind heute Alltagsvokabeln im Wissenschafts-Slang.

Auch vermeintlich fest gefügte Wahrheiten gehen nun zu Bruch. Dank verbesserter Forschungswerkzeuge, wie etwa genetischer Fingerabdrücke, stellt sich heraus, dass Weibchen vieler Tierklassen oft unbemerkt von ihren Partnern heimlich eigene Interessen verfolgen.

"Monogamie", erklärt der US-Forscher Stephen Emlen, "darf man nicht zu eng sehen." Man müsse unterscheiden zwischen sozialer und genetischer Monogamie. Letztere sei offenbar unter Tier-Paaren eher die Ausnahme als die Regel. Nur fünf Prozent aller Säugetierarten leben monogam.

Immer mehr Forscher gehen davon aus, dass es gute genetische Gründe gibt, wenn Weibchen neben dem sozialen Partner, der ihnen zum Beispiel einen sicheren Nistbaum bietet, ein Verhältnis haben - vielleicht mit einem, der besser singen kann. Ein großes Liederrepertoire erhöht den Sex-Appeal von Männchen des Drosselrohrsängers. Dem Nistgefährten aus dem örtlichen Gesangsverein räumen Weibchen wohl die meisten Zeugungsakte ein, sichern sich aber außerdem ein Schäferstündchen mit dem Troubadour. Eine Studie erklärt, weshalb: Hähne, die viele Melodien kennen, zeugen gesündere Nachkommen.

Anders gesagt: Promiskuität zahlt sich aus, wie eine Flut von neueren Veröffentlichungen belegt. Weibchen von Präriehunden oder von Pseudoskorpionen etwa erleiden weniger Fehlgeburten und bringen viele gesunde Junge zur Welt,wenn sie mehrere Begatter haben und den für sie optimalen Sperma-Spender auswählen können.Jeanne Zeh von der Rice University in Texas ist die Pionierin der Idee, dass Weibchen einen genetisch passenden Partner suchen, keinen Super-Typ.

Ermutigt von soviel sexueller Revolution im Tierreich fragen sich Wissenschaftler, ob aus den neuen Einsichten etwas herzuleiten ist, was die Formen menschlichen Zusammenlebens in ein anderes Licht rückt. Monogamie ist offenbar kein statisches Ideal, dem Individuen schon deshalb folgen müssen, weil sie einer bestimmten Art oder Kultur angehören. Partnerschaften oder Paarungen mit einem oder mehreren "Gatten" sind - soviel an Übertragung vom Tier auf den Menschen wagen manche Biologen - vermutlich eher alternative Auswege aus sozialen oder ökologischen Zwängen; sind flexible Anpassungs-Strategien, gewählt von Tier-Weibchen wie von Frauen der Vorzeit und der Gegenwart, um sich und dem Nachwuchs bessere Chancen zu sichern, meint Sarah Blaffer Hrdy. Offiziell seien polyandrische Beziehungen zwar rar, räumt die Anthropologin ein, nicht aber inoffiziell.

Verlässliche Daten zur Vaterschaft in modernen westlichen Gesellschaften existieren praktisch nicht. Dennoch gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Frauen die Vorzüge nicht praktizierter Monogamie zu schätzen wissen - und zwar nicht nur, wenn sie sich den Vater ihres Kindes bei der Samenbank aussuchen. An der Oregon Health Science University in Portland, wo Laborergebnisse für Erbkrankheiten ausgewertet werden, geht man davon aus, dass zehn Prozent aller Kinder mit ihren sozialen Vätern nicht verwandt sind. Der englische Evolutionspsychologe Robin Dunbar setzt den Anteil der "Kuckuckskinder" bei 15 Prozent an; sein Landsmann Robin Baker zitiert Studien aus Liverpool und dem Südosten Englands, wonach dort fast ein Drittel aller Babys "illegitim" sind.

Wie rasch sich das Partnerschafts-Verhalten in unserer heutigen Kultur in nur drei Jahrzehnten verändert hat, belegt ein Vergleich der Umfrage-Ergebnisse Kinseys von 1948 mit denen der Zeitschrift "Cosmopolitan" von 1980: Bei Kinsey räumten acht Prozent der 24-jährigen und 20 Prozent der 35-jährigen Ehefrauen ein Verhältnis ein. In den achtziger Jahren hatten bereits 50 Prozent der 18- bis 34-Jährigen und fast 70 Prozent der über 35-Jährigen ihren Ehemann betrogen, und das nicht nur einmal.

 

Die Fesseln der Konvention

Manche Menschen beklagen solche Zeichen der Zeit und erkennen darin den Verfall von Familienwerten. Immer mehr Biologen dagegen sehen eine Theorie bestätigt, wonach Frauen von ihren Primaten-Vorfahrinnen eine starke Sexualität geerbt haben. Sie sei nur jahrhundertelang in patriarchal organisierten Gesellschaften unterdrückt worden: durch moralische Regeln, Beschneidungspraktiken, Strafen, Diskriminierung und nicht zuletzt durch die Ideologie von der keuschen, passiven Frau, deren Bestimmung es sei, geduldig auf den Richtigen zu warten.

Berufstätige Frauen, die sich heute vom Unterhalt durch einen Ehemann und von dessen gesellschaftlichem Status unabhängig gemacht haben, werden auch in der Wahl und Zahl ihrer Partner freier. Womöglich wird die "wahre Natur" der Frau erst in Zukunft sichtbar werden - wenn sie sich tatsächlich selbst bestimmen kann.

Dass Männer durch ihr evolutionäres Erbe nicht auf monogame Lebensgemeinschaften fixiert sind, gilt als Binsenweisheit, als konform mit dem Bild vom typisch männlichen Verhalten, das in unserer Gesellschaft von Alex aus dem Versuchslabor namens "Big Brother" bis zum US-Präsidenten Clinton amüsiert verfolgt wird. Jetzt haben Primatologen ausgerechnet in der männlichen Anatomie die Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Frauen gleiche Rechte in Anspruch nehmen können, wenn sie sich dabei auf das Zeugnis der Biologie berufen.

Wie wenig unsere Vorväter auf die Treue ihrer Frauen bauten, lässt sich angeblich am Verhältnis zwischen Hoden- und Körpergewicht des Mannes erkennen. Das haben Wissenschaftler vom Paarungsverhalten unserer nächsten Verwandten, der Menschenaffen, hergeleitet. Dabei unterscheiden sie zwei Strategien: die des Gorillas, der als Silberrücken in seinem Harem das sexuelle Monopol hat; und jene des Schimpansen-Verbands, in dem alle Männer ein Weibchen, das in Hitze ist, begatten. Eine von Jane Goodall beobachtete Schimpansin kopulierte an acht Tagen 84-mal mit sieben Partnern. Um bei so vielen Mitbewerbern Erzeuger zu werden, brauchen Schimpansen, die rund 45 Kilo wiegen, eine Menge Sperma, mit denen sie das Ejakulat der Rivalen ausschwemmen - also entsprechend mächtige, 113 Gramm schwere Hoden. Gorillas schüchtern durch 204 Kilo Körpergewicht kleinere Nebenbuhler ein; sie können sich 70 Gramm leichte Hoden leisten - schließlich braucht ein Pascha nur zu befruchten, nicht gegen fremdes Sperma zu konkurrieren.

Der Platz des Menschen auf dieser Primaten-Treueskala soll irgendwo zwischen den Extremen liegen: Da Männer doppelt so schwer sind wie ein Schimpanse, ihre Hoden jedoch etwa so leicht wie die eines Gorillas, reicht ihre Samenproduktion offenbar aus, um, auf der Spermien-Ebene, gegen gelegentliche Liebhaber zu konkurrieren.

 

Wie steht es um die Kondition?

Jedoch nicht nur beim Betrug hält die weibliche Welt Ausschau nach Qualität. Schon sprechen Biologen vom "wählerischen Geschlecht", das bei der Partnersuche grundsätzlich anspruchsvoll ist und auf feinste Hinweise lauert, die etwas über Kondition und Gesundheit des Zukünftigen verraten.

Das ist nicht weiter erstaunlich, bedenkt man, was den Weibchen bei der Fortpflanzung abverlangt wird: die Monate der Tragezeit bei Säugetieren, die Wochen der Brut bei Vögeln, die aufreibende Fürsorge, sobald die Kleinen auf der Welt sind. Aber selbst Insekten, Reptilien, Amphibien, Fische, die in Aufzucht wenig investieren, kostet die Herstellung eines Eis mitsamt Nährstoffen, Fetten und Proteinen weit mehr als die Produktion von Sperma. Der Anreiz, sich bei soviel persönlichem Einsatz nicht mit dem ersten besten zu begnügen, muss daher für Weibchen groß sein - ebenso groß wie der für Männchen, nicht abgewiesen, sondern erhört zu werden.

Diesen Interessenkonflikt zwischen den Geschlechtern bezeichnet Patricia Adair Gowaty als "sexuelle Dialektik". Beide, sagt die US-Forscherin, wollten Kontrolle über das "Mittel der Reproduktion", den weiblichen Körper. Seit Jahrmillionen der Evolution aber habe sich die Rollenverteilung so eingespielt, dass Frauen über die Fortpflanzung bestimmen, den Vater ihrer Kinder aussuchen und gewöhnlich sicher sein können, dass sie den eigenen Nachwuchs aufziehen. Männern dagegen falle der weniger dankbare Part zu. Ihre Unsterblichkeit hängt davon ab, dass ein Weibchen sie akzeptiert. Dafür riskieren viele sogar ihr Leben. Wenn sie genetisch etwas hinterlassen wollen, müssen sie etwas bieten, um als Begatter in Frage zu kommen.

Wie aber stellen sie das an? Was hat der Richtige, was den anderen fehlt? Auf diese Frage scheint es so viele Antworten wie Arten zu geben. Diejenigen, die die Wahl haben, bestimmen die Höhe der Messlatte, und die Bewerber haben die Qual. Aber auch die Forscher quälen sich, um herauszufinden, welche zum Teil winzigen Veränderungen einen Bewerber attraktiv, welche ihn reizlos machen.

Der Schwede Jacob Höglund hat zum Beispiel viele Jahre lang am Rätsel der Birkhuhnwahl geknobelt. Sämtliche Hähne, mit denen die Hennen sich gepaart hatten, lebten sechs Monate später noch - nicht aber diejenigen, die bei der Damenwahl durchgefallen waren. Die Birkhühner hatten ihren Küken das gesichert, was deren Vätern ein langes Leben beschert. Wie aber konnten sie das vorhersehen?

Was die Hennen besticht, sind 18 Kehlsack-Knaller pro Minute, der absolute Rekord beim rituellen Balztanz. Nur die athletischsten Hähne schaffen es während vieler Paarungs-Wochen, täglich mehrere Stunden lang zwei orangerot-leuchtende Hautballons im aerobischen Dauerbetrieb aufzupumpen und explosiv zu entladen.

Inzwischen haben Biologen lange Listen weiblicher Herzenswünsche entschlüsselt, einer ausgefallener als der andere: Mal ist es Protein-Geruch, mal sind es die längsten Stielaugen, mal ist es die lauteste Stimme, mal ein Liebestrank, mal phallische Formenvielfalt, mal Jagderfolg, mal Mut.

Beeindrucken heißt das Rezept, das viele Männchen befolgen, wenn sie mit Leistungen, Mustern, Farben, Ornamenten auf sich aufmerksam machen. Weil Weibchen seit Generationen stets die rotesten Bäuche, die melodischsten Sänger, die symmetrischsten Flügel - also die überdurchschnittlichen Bewerber - bevorzugt haben, wurden Merkmale bis zur Übertreibung gefördert. Weiblicher Geschmack ist der Selektionsdruck, der Aussehen und Auftreten von männlichen Tieren entscheidend bestimmt und damit der Evolution der Signale und Lebensläufe die Richtung diktiert. Viele optische und akustische Reize in der Natur, etwa die Farbenpracht der Schmetterlinge und Käfer, das bunte Gefieder und den Gesang der Vögel verdanken wir der weiblichen Wahl.

Aber auch bei den Zeugnissen unserer Menschenkulturen, traditionell die Domäne der Männer, handele es sich um "Werbe-Aufwendungen", behauptet Geoffrey Miller vom University College in London. In Museen, Bibliotheken, Galerien, Theatern und Opernhäusern würden uns die "erweiterten Egos" derjenigen umgeben, die gedichtet, gemalt, gebaut und komponiert haben, um das weibliche Publikum zu beeindrucken. Wenn Männer oder Männchen sich in der Öffentlichkeit produzieren, so handle es sich, interpretiert Miller, um nach außen gerichtete, sich bis in die Umwelt ausdehnende Ornamente des Geistes. Sie zielen darauf ab, Konkurrenten auszustechen und Frauen oder Weibchen zu beeindrucken.

Laut Umfragen des US-Forschers David Buss in 37 Ländern gehört Intelligenz tatsächlich zu den von Frauen mit am höchsten bewerteten Eigenschaften eines Wunschpartners.

 

Intelligenz macht attraktiver

Das angeblich 100 Gramm Mehr an grauer Hirn-Substanz, das Männer den Frauen nach Millers Rechnung voraus haben, brauchen sie für ihre intellektuellen Pirouetten - wie Pfauen ihre extra-lange Schleppe für die Show.

Dass die Intelligenz eines Menschen großen Einfluss auf seine Gesundheit und damit auf die Lebensdauer hat, ist statistisch erwiesen. Ebenso logisch ist, dass die Wahl eines klugen Partners auch dem Nachwuchs zugute kommt. Aber was signalisiert das Pfauenrad einem Weibchen auf der Suche nach einem optimalen Erzeuger in spe?

Um das zu klären, durften Marion Petries Pfauenhennen sich einmal mit dem Über-Hahn ihrer Wahl paaren. Beim nächsten Mal mussten sie einen Allerwelts-Hahn akzeptieren, damit endlich bewiesen wurde, was die englische Forscherin ohnehin erwartet hatte: Die Brut, die am besten gedieh und am längsten im Freiland des Whipsnade Park überlebte, war von den prächtigsten Pfauen gezeugt worden.Das ausladende Rückengefieder sei der reine Luxus, erklärte die Biologin. "Nur die kräftigsten Männchen sind überhaupt imstande, mit solcher Schleppe herumzulaufen. Der aufwendige Schmuck wird zum Gesundheits-Zeugnis, an dem Weibchen die maskulinen Qualitäten ablesen."

Petries Folgerungen stützen sich auf ein mittlerweile akzeptiertes Erklärungsmodell: Zahavis Handicap-Prinzip. Es begründet, weshalb Signale - wie die von schmucken Männchen gesendeten und vom Empfänger, dem Weibchen, richtig entschlüsselten - ihrem Träger einen gewissen Nachteil auferlegen. Um zum Beispiel ein makellos symmetrisches 14-endiges Knochengeweih sprießen zu lassen und eine zusätzliche Kopflast von sechs Kilo monatelang mit sich herumzuschleppen - womöglich auf die Gefahr hin, sich mit den Geweihspitzen im Unterholz zu verfangen -, muss ein Bewerber erhebliche Reserven mobilisieren. Viele Hirsche brauchen ihre Energie größtenteils zum Überleben, für imponierende Stangen fehlt die Kraft, Betrug ist zu teuer. Aufwendige Attraktionen, die hohe Werbekosten verschlingen, bleiben also ein Privileg der Fittesten.

 

Äußerlichkeiten lügen nicht

Was aber hat man sich unter denen vorzustellen? Es sind anscheinend nicht immer nur die Kraftprotze und Angeber der Tierwelt, wie viele Forscher ihre Beobachtungen vorschnell interpretiert haben. Solche reduktionistischen Erklärungsmodelle, die alle Tierweibchen in ein Schema pressen, seien "reine Propaganda", kritisiert Gowaty jene Kollegen, die außer Acht lassen, "was die Wählerinnen selber genetisch in die Gleichung einbringen. Was mir gefällt", erklärt sie, "missfällt vielleicht einer anderen." Animalische Weibchen treffen, so ihre Position, ähnlich persönliche Entscheidungen wie die Studentinnen in Wedekinds Versuchsreihe.

Eine Frau, die denjenigen am meisten mag, der die schönsten Liebesbriefe schreibt, macht das nicht, weil sie ihr Leben lang Post erhalten möchte. Sondern sie erkennt in den an sie gerichteten Worten begehrenswerte männliche Eigenschaften. Auf die kommt es ihr an.

Ganz ähnlich ein Tierweibchen: Es wählt lange Schwalbenschwänze, rote Kehlen, strophenreiche Lieder nicht um ihrer selbst willen, sondern weil die Sex-Signale abbilden, wie fit oder "kompetent" das Immunsystem des Bewerbers ist. Nur besonders resistente Männchen, so die subtile Ausdeutung der Handicap-Theorie, sind überhaupt in der Lage, ihren maskulinen Zierrat in Bestform zu bringen und dadurch ihre Qualitäten bekannt zu machen. Dafür müssen die Kandidaten nämlich ihre Testosteron-Ausschüttung ankurbeln - wodurch ihre Immunabwehr unterdrückt wird. So etwas aber können sich nur überdurchschnittlich gesunde Tiere leisten. Anfällige Männchen oder solche, die gerade eine Infektion durchmachen, werden sich hüten, ihre eigene Abwehr zu schwächen.

Der Entdeckung, dass Äußerlichkeiten nicht lügen, sind japanische und britische Forscher beim Menschen nachgegangen. 21-jährige Frauen, die keine chemischen Verhütungsmittel einnahmen, bekamen Fotos von kantigen und von weichen Männergesichtern vorgelegt und sollten sagen, welche sie körperlich anziehend fanden. Das Votum war eindeutig: Die Frauen entschieden sich für die femininen Männergesichter, weil sie die Abgebildeten als jünger, ehrlicher und gefühlvoller beurteilten. Maskuline Züge wurden als älter und dominanter abgelehnt.

So urteilten sie, während ihr Körper sich in der unfruchtbaren Phase des Zyklus befand. Auf dem Höhepunkt der Empfängnisbereitschaft aber gefielen ihnen plötzlich die kantigen Kerle, deren Gesichter "Immun-Kompetenz" signalisierten.

Ähnlich widersprüchlich war ihre Antwort auf die Frage, welchen der beiden Typen sie für eine Liaison und welchen sie für eine langfristige Beziehung vorziehen würden. Sie wählten den gefühlsbetonten für die Partnerschaft, den dominanten für das kurze sexuelle Abenteuer.

 

Partnerschaft oder Abenteuer?

Als Erzeuger kommt demnach eher der in Frage, dem das Testosteron eine starke Immunabwehr ins Gesicht geschrieben hat. Von ihm soll der Nachwuchs die robuste Gesundheit erben, deuten die Forscher ihre Ergebnisse. Dem femininen Mann dagegen trauen die Befragten eher zu, dass er langfristig ein fairer Partner und fürsorglicher Vater sein wird. Frauen und Tier-Weibchen sind, so scheint es, bei der Wahl des besten Begatters gar nicht so weit auseinander.

Jüngste Ergebnisse auf diesem neuen Forschungsfeld belegen, dass sich Frauen und Tier-Weibchen auch in einem anderen Punkt nah sind: in der Freiheit, der Anziehungskraft des Testosteron von Fall zu Fall zu widerstehen. Der australische Biologe Ian Owens hat jedenfalls festgestellt, dass Weibchen nicht automatisch auf die stärksten Reize der "guten Gene" fliegen. Im Gegenteil: die "weibliche Partnerwahl sei eine an lokale Verhältnisse angepasste Strategie", mit der Tiere in einer Umwelt voller gefährlicher Krankheitserreger rasch auf Veränderungen reagieren.

Die Spatzenweibchen des von ihm studierten Versuchsschwarms entschieden sich jedenfalls gegen den Träger des größten männlichen Ornaments und für den fürsorglichen Partner mit dem kleinen schwarzen Abzeichen an der Kehle. Eine optimale Wahl, was die Zukunft ihrer Kleinen anging, wie Owens Arbeit dokumentiert. Der brave Gefährte und gute Vater sorgte nämlich für eine gute Kinderstube. Er war zur Stelle, wenn fremde Rowdys die Kleinen zausen wollten, und er hielt das Nest stets rein. Frei von Zecken und Flöhen wuchsen vitale Spatzen heran. Und als sie schließlich das Federkleid der Erwachsenen trugen, besaßen alle Söhne das für die Damenwahl so begehrte Status-Abzeichen: den großen schwarzen Kehlfleck.

Differenzierungen also en masse: In der Frage, was Frauen wollen, steht die Forschung noch immer am Anfang.

 

Quelle: GEO MAGAZIN Nr.8/ August 2000 
 

    

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