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Das Geheimnis glücklicher Ehen

von Joachim Lask 

Hochzeit. Ein Tag, den wir uns etwas kosten lassen. Gehört er doch zu den ganz wichtigen in unserem Leben. Bis dahin muss aber auch einiges geleistet werden: gute Schulausbildung, Lehre/Studium, zumindest ein gesichertes Einkommen mit entsprechender finanzieller Absicherung! Am besten einige Bausparverträge oder Lebensversicherungen, die für das Eigenheim schon angespart werden. Ach ja, Kinder sollen auch dazu kommen. Der richtige Zeitpunkt muss aber noch abgewartet werden, klar -  wegen der beruflichen Laufbahn und dem Auslandsaufenthalt, der einfach gut im Lebenslauf aussieht. Partnerschaft und Familie ist aber auch ein 'Muss'. Es bietet einem erst das rechte Gefühl Zuhause zu sein. Ohne einen Partner durch das Leben zu gehen, nein, da fehlt etwas Entscheidendes im Leben!

'Glücklicher zu zweit', so bringt es der Spiegel auf den Punkt (23.Okt.00)[i] und beschreibt, wie das Pendel zwischen Freiheit und Bindung entgegen der letzten Jahrzehnte, die im Zeichen von Selbstverwirklichung und Egoismus standen, in Richtung Sehnsucht nach Bindung schlägt. Und hierfür gibt es mehr als Indizien:

Wussten Sie, dass

r      ... in Untersuchungen über 90 % der Befragten eine langfristige, in der Regel lebenslange intime Beziehung zu einem Partner wünschen? [ii]

r      ... Partnerschaft und eine harmonische Familie als die wichtigsten Lebensziele genannt werden und deren Wert über den von Beruf, finanzieller Sicherheit und Freizeit eingeschätzt wird? [iii]

r      ... 87% der Bundesbürger Ehe & Familie als zentralen Faktor für Lebensqualität ansehen? [iv]

r      ... nationale und internationale Forscherteams fieberhaft nach Ehestabilisatoren suchen und Programme zur Prävention von Beziehungsstörungen testen?[v]

In der Tat besteht eine Sehnsucht nach Bindung, nach stabiler Zweisamkeit, die möglicherweise eine Reaktion ist auf Tempo, Kälte, Mobilität und Internet.


Wußten Sie auch, dass

r      ... die Scheidungsquote seit 1962 kontinuierlich ansteigt und derzeit bei über 37% liegt?*[vi]

r      ... die meisten Ehen im 5. Ehejahr auseinandergehen und die Scheidungshäufigkeit einen Verlauf mit drei Gipfeln im 3., 5. Und 19. Ehejahr hat?[vii]

r      ... nach Schätzungen in der Stadt jede 2. Ehe von Scheidung betroffen ist?[viii]

r      ... im Jahr mehr als 148.000 Kinder zu den Scheidungswaisen dazu kommen?[ix]

r      ... Ehescheidung zu den belastensten Ereignissen im menschlichen Leben gehören?[x]

r      ... 75% - 80% der Geschiedenen erneut heiraten (trotz des Scheidungstraumas), die meisten innerhalb von 3 Jahren nach der Scheidung und die Scheidungsquote der Wiederverheirateten über 60% liegt?7

r      ... Ehepartner aus geschiedenen Elternhäusern bis zu 2 1/2 mal höhere Scheidungsquote haben?[xi]

r      ... mit einer Scheidung in der Regel kein Abschluss der Probleme erfolgt, und nur 20% nach der Scheidung von einer 'Erleichterung' berichten?7

* Die Scheidungsquoten sind in der Regel Schätzungen. Die hier angegebenen "37 %" bedeuten, dass bezogen auf einen Ehejahrgang nach 25 Jahren ca. 37% der geschlossenen Ehen wieder geschiedenen sind. Insgesamt geben die Schätzungen an das mehr als 3. Ehe heute geschieden wird.

 

"Verliebt, verlobt verheiratet, geschieden..." so fängt ein Reim an, den unsere Kinder beim Seilhüpfen im Kindergarten vor sich aufsagten. Und in der Tat: Scheidung ist auch im Kindergarten zur Normalität geworden. Nach einer Auseinandersetzung zwischen meiner Frau und mir fragt eine unserer Töchter: laßt ihr euch jetzt scheiden?
Mir scheint es manchmal so, als ob uns die oben genannten Daten gar nicht mehr berühren. Zu sehr haben wir uns an das Leid Geschiedener und Scheidungskinder gewöhnt. Es trifft uns erst, wenn die Ehe von Freunden ins Wanken gerät oder gar unsere eigene in Frage gestellt wird. Erschütternd dabei ist, dass viele Paare und Eltern in Konfliktsituationen keine Hilfe aufsuchen, auch dann nicht, wenn die Ehe, am auseinanderbrechen ist.

Manchmal trifft es uns unerwartet im Alltag, wenn wir spüren und erleben, wie fern die Hoffnung und Träume für eine glückliche Ehe mit den unausweichlichen Realitäten zusammentreffen. Viele Fragen und der Wunsch, dass es doch möglich ist, brechen auf. So soll dieser Artikel über dreierlei informieren:

1.    Was wissen wir zu den Themen Ehestabilität und Ehezufriedenheit.

2.    Was wissen wir über Risikofaktoren für die Ehe.

3.    Was ist zu tun, wenn Paare ihre Ehe vorbereiten wollen bzw. Ehepaare ihre Beziehung pflegen wollen.

 

Ergebnisse aus der Paar- und Familienforschung

Angesichts der ansteigenden Scheidungszahlen hatte die Bundesregierung im Jahr 1997 in Heidelberg das Symposium zum Thema 'Prävention von Beziehungsstörung'5 organisiert. Internationale  Forscher stellten ihre Ergebnisse vor und diskutieren, was zu Ehezufriedenheit und Ehestabilität führt und mit welchen Maßnahmen Ehepaare hier gefördert werden können.
"Endlich - denn es wurde Zeit!" Endlich wird der schleichenden Resignation vor dem wachsenden Ehefriedhof und den stets zunehmenden Scheidungswaisen etwas entgegengesetzt. Bei aller Wertschätzung der Berater und Therapeuten die sich zur Aufgabe gemacht haben, Paaren zu helfen sich nicht in Krisen zu verfangen, der Ansatz der Prävention, also der Vorsorge war längst überfällig. Wir wissen inzwischen sehr gut, was krank ist oder auch was Störungen erzeugt. Völlig unterbelichtet ist jedoch unser Kenntnisstand was den Menschen gesund erhält. Endlich ist es auch soweit, dass Prävention in christlichen Seelsorgekonzepten nicht nur als Anhängsel auftaucht. Prävention gehört zum zentralen Bestandteil von Seelsorge, so, wie es etwa der 'Bildungsinitiative für Prävention, Seelsorge und Beratung' in ihrer Konzeption gelungen ist (www.bildungsinitiative.net).

 

Was ist nun das Geheimnis glücklicher Ehen?

Wenn ich 'glückliche Ehen' als zufriedene und stabile Partnerschaften definiere, gibt es aus der Paar- und Präventionsforschung zumindest fünf Antworten:


a)    Paare sollen miteinander reden können[xii]
Das klingt einfach - ist es aber nicht. Schon bei der einfachsten Übung, seinem Partner etwas angenehmes von sich zu berichten, straucheln die meisten Paare. Für das einfache Gespräch "Wie geht es dir, wie geht es mir" bleibt keine Zeit. Das es mir gut geht wird erst gar nicht berichtet und dass mir am anderen etwas gefällt, fällt mir schon nicht mehr auf. In meiner Ausbildung in Ehe- und Familientherapie hatten wir eine Aufgabe, unserem Partner eine konkrete Wertschätzung zu geben nach dem Muster "Ich schätze an dir ..., weil...". Nichts einfacher als das - dachte ich! Die Männer waren zuerst dran. Meiner Frau gegenüber sitzend begann ich meinen Satz und nach vier Worten schaute ich verzweifelt meinen Nachbarn an, der bereits zu mir schaute... Versuchen sie es selbst einmal.
Kommunikation ist das Nervensystem einer Ehe. Und ob dieses Nervensystem gesund ist, läßt sich sehr schnell feststellen, z.B. an den Fragen ob sich die Partner Gedanken und Gefühle offen mitteilen können, gemeinsame Zukunftspläne schmieden, sich bemühen, die Wünsche des anderen zu merken und sie auch zu erfüllen, sich entschuldigen können oder den Partner nach seinen Alltagserfahrungen fragen. Dabei geht es um drei Fähigkeiten des Sprechens und Zuhörens.
r Ich-Botschaft drücken die Betroffenheit besser aus als Du-Botschaften: statt "das war gut" besser "ich finde gut was du tust" oder statt "du bist so spät" besser "ich habe auf dich gewartet"
r Konkrete Situationen und Verhalten ansprechen verhindert Verallgemeinerungen: statt "du hast schon wieder alles Geld ausgegeben" besser "gestern habe ich Geld abgehoben, und heute hast du es bereits ausgegeben"
r Beim Thema bleiben ist vor allem dann angesagt, wenn die Gefühle intensiv werden. Wenn schon einmal das Thema angesprochen ist leiten uns die Gefühle zu passenden weiteren Erinnerungen. Und unter der Rubrik "Und außerdem, was ich dir noch sagen wollte ..." häufen sich dann Anschuldigungen, die den anderen platt machen.

Auch das gute Zuhören läßt sich in drei Regeln fassen:
r Gesten des Zuhörens erleichtern dem anderen überhaupt das Gespräch fortzusetzen. Es sind die kleinen Signale, das mmh, ah, oder das Kopfnicken, das dem anderen signalisiert "ich höre zu". Versuchen sie in einem Telefonat für nur 20 Sekunden genau auf diese Signale zu verzichten in dem sie das Mikrophon zuhalten. Der "Hallo - bist du noch da?" wird der Gesprächspartner irritiert rufen.
r Das Zusammenfassen des Gehörten verhindert sehr effektiv die vielen Missverständnisse zwischen Paare. Sicherlich ließen sich mehr als 50% der negativen Streitereien verhindern, wenn wir uns nur bemühen würden, unseren Partnern zu sagen, wie und was wir von ihm verstanden haben. Nicht umsonst hat uns Gott zwei Ohren und nur einem Mund gegeben, damit wir doppelt so lange zuhören statt sprechen.
r Durch interessierte Nachfragen zeigt der Zuhörer seinem Partner sein Bemühen, die Welt des anderen tatsächlich erkunden zu wollen. Dabei macht der Ton hier die Musik. Die Frage der Frau "Warum hast Du nicht angerufen?" kann dem Mann die Gelegenheit bieten, seine Situation des Zuspätkommens zu erklären. Hat die Frage jedoch einen süffisanten Unterton könnte sie folgendes bedeuten: "Du Blödmann, du hättest doch anrufen können; noch nicht einmal das bekommst du hin; so wenig bin ich dir wert; da sehen wir es wieder mal!!".


b)    Paare sollen sich einander unterstützen können7
Auch das klingt zunächst problemlos. Die Stressforschung hat hier gezeigt, dass jeder Partner in seiner Art auf Stress reagiert. Der eine wird unter Stress ruhig und starr, der andere reagiert auf Druck mit körperlichen Symptomen, wird hektisch in seinem Verhalten und Stimme. Dazu kommt: die Bewältigung von Stress managt jeder Partner ebenfalls auf seine Weise. So sucht der eine im Kontakt zu anderen seinen Ausgleich und geht in die Gemeinde, ruft einen Bekannten an oder trifft sich zum Spieleabend. Für den anderen Partner kann genau das zusätzlichen Stress bedeuten. Er will vielleicht viel lieber in Ruhe ein Buch lesen, Singen und Beten, oder sich einfach in die Badewanne legen. Das Geheimnis glücklicher Ehepaare liegt hier darin, dass ich weiss, was mein Partner zur Unterstützung braucht, statt meine eigenen Lösungsansätze dem anderen überzustülpen.
Anforderungen und Belastungen, also Stress, treten insbesondere in Zeiten von Veränderungen auf, z.B. die Familiengründung, die berufliche Entwicklung (Fortbildung, Karriere, Umzug) die Pflege der (Schwieger)Eltern verändern das Leben plötzlich erheblich. Gerade dann, wenn wenig Zeit bleibt, ist die gegenseitige Unterstützung als Ehepaar wichtig. Dies geschieht etwa wenn Ehepaare sich in heiklen Situationen auf Terminabsprachen verlassen können, finanzielle Angelegenheiten gemeinsam regeln, beide von der Stabilität der Partnerschaft überzeugt sind, um die Ehrlichkeit des anderen wissen, gemeinsame Lebensziele verfolgen, einen gemeinsamen Freundeskreis pflegen, Beratung und Seelsorge aufzusuchen, oder einander vergeben können.


c)     Paare sollen ihre Intimität pflegen und fördern[xiii]
In der Intimität erleben Ehepaare eine der intensivsten Formen des Zueinandergehörens. Deshalb kommt es für Ehepaare darauf an, den Bereich der Intimität zu pflegen, d.h. sich Wünsche und Vorlieben mitzuteilen, Intimität nicht nur auf Sexualität zu reduzieren sondern der Zärtlichkeit in der Beziehung genauso Raum zu geben.
Sind die eigenen Erfahrungen mit der Sexualität positiv, gelingt Intimität besser. Jedoch steht auch fest, dass nahezu alle Ehepaare von kleinen oder größeren Störungen in der Sexualität berichten können. Gerade in der Intimität gilt: heimliche Wünsche werden unheimlich selten erfüllt. Daher bedarf es immer wieder Mut, Angst und Scham zu überwinden. Tipp: Lesen sie sich gegenseitig ein Buch zur Sexualität vor. Dies kann ein guter Einstieg in das Gespräch sein.

Hier eine kurze Bemerkung zum vorehelichen Geschlechtsverkehr. Heute (und sicherlich auch früher) ist es eine Herausforderung mit jungen Paaren über "vorehelichen Geschlechtsverkehr" zu sprechen, insbesondere wenn man sexuelle Intimität als exklusives Gut der Ehe versteht. Der Zeitgeist nicht nur von Jugendzeitschriften oder  diverser Teenie TVsendungen hämmern es uns ins Bewusstsein, dass Geschlechtsverkehr vor der Ehe ausprobiert werden muss? Kürzlich sagte mir ein Kollege aus der stationären Jugendarbeit, dass seine Jungs Angst haben schwul zu sein, weil sie mit 13 Jahren noch nicht mit einem Mädchen geschlafen hätten. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang die Untersuchungsergebnisse z.B. der Shell-Jugendstudie 2000[xiv] , die zeigen, dass es insbesondere junge Menschen sind, die sich den einen Partner für das Leben wünschen. Eine weitere aktuelle Untersuchung von der Uni Chemnitz (1999)[xv] zeigt, dass die relative sexuelle Unerfahrenheit beider Partner vor der Heirat ein Ehestabilisator ist. Ich bin der Meinung, dass wir uns neu auf den Weg machen müssen, um weitere plausible Argumente zu finden, die sexuelle Intimität als exklusives Gut der Ehe zu beschreiben, statt moralische Knüppelungen vorzunehmen.


d)    Paare brauchen Unterstützung für ihre Elternschaft[xvi]
Häufig werden Ehepaare nach kurzer Zeit zu Eltern oder bringen bereits Ihre Kinder zur Hochzeit mit. Alle Eltern wissen wie beglückend es ist Kinder zu haben, Elternschaft aber nicht immer einfach ist. Oft kann die Erziehung von Kindern auch anstrengend und frustrierend sein. Die persönlichen und partnerschaftlichen Bedürfnisse werden z.T. auf das Äußerste frustriert. In vielen Untersuchungen wurde immer wieder nachgewiesen, wie die Ehezufriedenheit mit der Familienbildung abnimmt. D.h. für die Ehebeziehung bleibt häufig zu wenig Zeit übrig, statt dessen wird sie für die Erziehung und berufliche Entwicklung verbraucht. Und Erziehung muss genauso wie Partnerschaft gelernt werden.
Inzwischen gibt es verschiedene Elterntrainings, die auf ihre Effektivität erforscht wurden. Hier werden Eltern Fähigkeiten vermittelt zum Kind eine positive Beziehung aufzubauen, erwünschtes Verhalten zu fördern oder unerwünschtes Verhalten zu reduzieren. Um zu seinem Kind eine positive Beziehung aufzubauen ist es z.B. wichtig regelmäßig während des Tages kurze Zeitspannen - und seien es nur 1 oder 2 Minuten - mit dem Kind zu verbringen. Es ist für Kinder wichtiger, dass Eltern sich oft für kurze Zeit mit ihnen beschäftigen, als wenn sie sich z.B. nur einmal am Tag eine ganze Stunde Zeit nehmen.


e)    Paare sollen den Sinn für die Partnerschaft immer neu finden[xvii]
Bisherige Effektstudien haben ergeben, dass Ehevorbereitungsseminare, die sich auf die Aspekte Kommunikation und Stressbewältigung beziehen, nachweislich vorbeugende (also präventive) Wirkungen auf Beziehungsstörungen  haben, vergleicht man diese Trainingsgruppe mit einer Kontrollgruppe. Jüngste Forschungsergebnisse lassen jedoch auch den Schluss zu, dass nach ca. 5 Jahren dieser Präventionseffekt deutlich bis ganz nach läßt. [xviii] "Immer hin - besser als Nichts" könnte man sagen. Auf dem Heidelberger Symposium zur 'Prävention von Beziehungsstörung' ging man aber weiter und fragte sich, ob es nicht noch weitere Fähigkeiten für Ehepaare gibt, die langfristig Ehestabilität und Ehezufriedenheit fördern.
Hier verweisen Paarforscher auf Untersuchungen des amerikanisch-israelischen Mediziners Aron Antonovski [xix], der zeigen konnte, dass Menschen insbesondere dann gesund bleiben, wenn sie für ihr Leben das Gefühl von Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit entwickeln können. Daher wird vermutet, dass das Gefühl von Sinnhaftigkeit in der Ehe ein weiterer wichtiger Faktor für eine stabile und zufriedene Ehe darstellt.
Den Sinn der Ehe immer wieder neu zu finden könnte die Kunst des Ehepaars sein, in den jeweiligen Lebensphasen jeweils neue Visionen und hilfreiche Ziele für das gemeinsame Leben zu entdecken. Diese gemeinsame Sicht von der Zukunft stellt eine starke Ressource dar, durch die es dem Paar leichter wird, das Wichtige vom Unwichtigen, das Große vom Kleinen zu unterscheiden. Alltagskonflikte können so überzeugender in die Schranken gewiesen werden und müssen sich nicht zu unüberwindbaren Hindernissen aufspielen. Sinnfragen haben zumeist auch etwas mit der religiösen Orientierung des Einzelnen und des Paares zu tun.

 

Risikofaktoren für die Ehe


Inzwischen hat die Scheidungsforschung Risikofaktoren gefunden, die Ehestabilität verringern. Hier möchte ich drei ausgewählte Ergebnisse vorstellen:

a)    Ausgedehnte Partnersuche wirkt wie ein Filter für unpassende Partnerschaften[xx]
'Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was besseres findet' - so eine alte Weisheit, die Eltern gerne nennen, um die Partnerwahl ihrer Kinder aufzubessern. Eine Untersuchung aus der Uni Köln 13 korrigiert diese Weisheit: Die ausgedehnte Partnersuche erhöht die Wahrscheinlichkeit den "falschen Partner" zu wählen. Immer häufiger wird die Ehe im gemeinsamen Haushalt ohne Trauschein geprobt. Paßt die Verbindung, so wird die Ehe nachgeholt; scheitert die Partnerschaft endet sie in einer Trennung vor einer Eheschließung.
Von aufgelösten vorehelichen Partnerschaften wird die Vorstellung von einem geeigneten Partner geschärft. Eigentlich sollte erwartet werden, daß durch solche vorehelichen Erfahrungen der Sucherfolg erhöht und damit auch die Ehestabilität. Andererseits zeigt sich aber, daß die Barrieren einer Scheidung durch voreheliche Trennungserfahrungen gesenkt werden; denn die Auflösung einer Lebensgemeinschaft stellt einen Mißerfolg dar, da die Suche nach einem geeigneten Partner ergebnislos blieb. Demgegenüber bedeutet die Trennung von Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt zwar eine Enttäuschung, sie werden aber nicht als Mißerfolg empfunden. Sie haben daher auch keinen starken negativen Effekt auf die Stabilität einer Ehe.

b)    Wird Scheidung vererbt?
Kinder aus Scheidungsfamilien leiden am meisten, unter den Konflikten vor und nach einer Scheidung. Folglich wäre anzunehmen, dass diese 'gebrannten' Kinder aus dem Schaden klug werden. Forscher der UNI Chemnitz15 sind der Frage nachgegangen, ob in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, geschieden zu werden, sich von den Eltern auf die Kinder übertragen wird ("Soziale-Vererbung").
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass Kinder geschiedener Eltern tatsächlich später häufiger selbst geschieden werden als Kinder nicht geschiedener Eltern, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Ehen, in denen einer der Partner geschiedene Eltern hat, werden rund anderthalb Mal häufiger geschieden als Ehen zwischen Partnern mit nicht geschiedenen Eltern. Haben beide Partner geschiedene Eltern, ist die Scheidungsrate gar zweieinhalb Mal höher. Insbesondere diesen Risikopaaren wird geraten, zur Ehevorbereitung Trainingsseminare zu besuchen. Die positive Effektivität solcher Maßnahmen konnte in Untersuchungen belegt werden.11

c)     Der Übergang zur Elternschaft kann zum Stolperstein der Ehe werden
Der Übergang von der Partnerschaft zur Elternschaft stellt wie schon oben beschrieben oft eine schwierige Zeit für die Ehe dar; in den Monaten und Jahren nach der Geburt des ersten Kindes zeigt sich ein genereller Trend, sich in der Ehe unglücklicher und belasteter zu fühlen und vermehrt Konflikte zu erleben.
Dennoch erleben nicht alle Paare diese Zunahme an Belastungen und Konflikten und nicht alle Paare, die diese negativen Veränderungen durchmachen, lassen sich scheiden. Dies scheint - so eine Untersuchung von Martha Cox u.a.(1998)[xxi] von der Qualität der Beziehungen, die Personen in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben. Es scheint so, dass Personen, die zu ihren eigenen Eltern eine sichere Beziehung erlebt haben oder eine schwierige Beziehung zu den Eltern überwunden konnten, weniger gefährdet sind, in konfliktreichen Übergangszeiten die Bindung an die Ehe zu verlieren.


Diese Ergebnisse aus der Paar- und Risikoforschung fordern Kirche und Gesellschaft heraus, verlobten Paaren und Ehepaaren Hilfen für gelingende Partnerschaft anzubieten. Jedem ist das doch eigentlich klar - oder? Wir sind davon überzeugt, dass Gott diese Ehe in seiner Schöpfung gestiftet hat, als ergänzende Gemeinschaft zwischen Mann und Frau sich zum Gegenüber. Wir sind davon überzeugt, dass Ehe und Familie die Urzelle der menschlicher Gemeinschaft und Gesellschaft ist. Aber wie gehen wir damit um? Wie pflegen wir unsere Ehen und Familien? Selbstverständlich ist, dass wir unser Auto alle 10.000 km zur Inspektion bringen, für einen teuren Kopierer einen Wartungsvertrag abschließen, und für Versicherungen aller Art sind wir sehr empfänglich.
Was passiert aber, wenn sich ein Paar zu einem Eheseminar anmeldet. Sicher ist: Frotzeleien bleiben ihnen nicht erspart! 'Habt ihr das nötig?', 'Müsst ihr da hin' oder ähnliche Bemerkungen bleiben nicht aus. Machen Sie doch selbst einen Assoziationstest und stellen sich einmal vor, der Bundeskanzler oder Ministerpräsident Ihres Landes meldet sich zu einem Eheseminar an...
Man muß sich fragen ob es zunehmend zur Verantwortung von verantwortlichen Schwestern und Brüdern in den Gemeinden gehört, ihr seelsorgerliches Hirtenamt mit dem Schwerpunkt auf Vorbeugung (Prävention) wahrzunehmen. Ein erster Schritt könnte sein, wenn Verantwortliche aus Kirchen und Gemeinden zunächst selbst mit gutem Beispiel vorangehen, um den Weg für präventive Seminare frei zu machen.

 

Was können Verlobte und Verheiratete tun?

Meines Erachtens sind es zwei Dinge, die hier ganz wichtig sind:

1.    Als Verlobte oder Verheiratete brauchen wir ein Bewusstsein, dass Prävention eine Form von Verantwortung für die Beziehung ist. Keiner von uns würde darauf verzichten wollen, in seinem Haus auf Brandschutzmaßnahmen zu verzichten, auch wenn das Haus niemals abbrennen wird. Prävention heißt also nicht, dass Schlimmste zu verhindern sondern für das Gute zu sorgen.

2.    Wir brauchen effektive Seminare und Trainingsprogramme, die sich auf die Vermittlung von Fähigkeiten beziehen. Obwohl von verschiedenen Institutionen und Organisationen die Notwendigkeit für Ehe-Kursen oder Ehe-Investitionsmaßnahmen gesehen werden, vermisse ich in den Eheseminare, oder Verlobtenseminare das konkrete Training der einzelnen Fähigkeiten bzw. die Begleitung der Ehepaare bei der Umsetzung der Seminarinhalte in den Ehealltag. Die Frustration, Gutes gelernt zu haben, aber nichts davon im Ehealltag zu tun ist dann hoch. Ich bin der Überzeugung, sämtliche Eheseminare hätten alle eine doppelt so positiven Effekt, wenn das Verhältnis von Vortrag und Training 1/3 betragen würde. Und Paare könnten noch mehr profitieren, wenn sich jedem Seminar eine 3-6 wöchige telefonische Unterstützung durch die Seminarleitung erfolgt. Erfahrungen aus dem Seminar, erworbene Einsichten und Fähigkeiten könnten so in den Ehealltag umgesetzt werden.

 

Hier liste ich einige Beispiele von Programmen auf, die nach ähnlichen Prinzipien wie ich sie eben aufgeführt habe arbeiten.

r      EPL: in 'Ein Partnerschaftliches Lernprogramm' werden vor allem Fähigkeiten zur Kommunikation und zum Streitverhalten mit intensiven Übungseinheiten gelernt.[xxii]

r      KiSS: das Seminar zur Ehevorbereitung nimmt Inhalte vom EPL auf, berücksichtigt jedoch die Ergebnisse der Stressforschung und akzentuiert 'Spiritualität und Glaubenserleben' deutlich als Teil der Eheidentität. KiSS steht für Kommunikation, Intimität, Identität, Spiritualität und Glaubenserleben, Stressbewältigung[xxiii]

r      'Damit die Liebe bleibt - Integration von Ehe, Familie und Beruf' richtet sich an Paare, die schon längere Zeit verheiratet sind, setzt an Ressourcen des Paares an, und konzentriert sich auf die Faktoren Kommunikation, gegenseitige Unterstützung, Intimität und eheliche Sinnfindung. Es folgt eine 4 wöchige telefonische Begleitung.[xxiv]

r      PEP: Positives Erziehungs-Programm für Kids (2-12) und Teens (12-17). Vierwöchiges Erziehungstraining für Eltern plus vierwöchigem TelefonCoaching als Begleitung zur Umsetzung des Gelernten in den Erziehungsalltag.(siehe www.elternkompetenz.de)

r      THOP oder Triple P: Elterntrainingskonzepte.[xxv]

 

Die dargestellten Programmen haben gemeinsam, dass sie im wesentlichen Trainingsseminare sind und die vorangestellten Ergebnisse der Paar- und Präventionsforschung berücksichtigen. Unter Fachanleitung werden den Verlobten, Ehepaaren oder Eltern in kleinen Übungsgruppen (4-6 Paare) die entsprechenden Fähigkeiten vermittelt. Bei 'PEP' und 'Damit die Liebe bleibt', schließt sich dem Training eine 4 wöchige Begleitung per Telefon an.

Jedes Paar erhält einen Begleiter, der bei der Umsetzung des Gelernten im Ehealltag telefonisch hilfreich zur Seite steht. Diese Telefonkontakte bieten dem Ehepaar die Möglichkeit, alles anzusprechen, was ihnen in der Umsetzung noch Schwierigkeiten bereitet. Die Trainer fragen nach, welche Aufgaben gemacht wurden und was dabei gelungen ist. Dann werden weitere Ziele für die nächste Woche festgelegt. Und dies 4 Wochen lang. Ehepaare und Eltern, die diese Unterstützung erfahren haben, berichten, dass erst hierdurch die Seminarinhalte im Alltag wirksam geworden sind.

 

 

Zusammenfassung

Das Geheimnis glücklicher Ehen finden die Paare, die Glück und Stabilität ihrer Partnerschaft auch über die Hochzeit hinweg hegen und pflegen. Die Liebe bleibt, weil Paare miteinander reden, einander unterstützen, sich um Intimität kümmern, Erziehung gemeinsam verantworten und den Sinn für die Ehe miteinander immer wieder neu finden.

 

Kurzvita:

Joachim E. Lask, Jg 62, Dipl.-Psychologe in freier Praxis, Leiter des WorkLife-Instituts. Er coacht Mitarbeiter im Management in WorkLife-Balancing, speziell "Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Mit PEP4Kids hat er ein positives Elternprogramm entwickelt, dass sich auf christliche Werte stützt und Ergebnisse der neuen Erziehungsforschung integriert. Er ist Herausgeber der Zeitschrift NEWSLETTER-EHESEELSORGE.NET (http://eheseelsorge.net). Mit seiner Familie lebt er in Mühltal bei Darmstadt und engagiert als Kirchenvorstand in der Ev. Landeskirche.

 

Literatur


[i] Wellershoff, M. (2000). Glücklicher zu zweit. Der Spiegel Nr 43/23.10.2000, pp. 300-316.

[ii] Levinger, G. & Moles, O.C. (Eds.) (1979). Divorce and separation: Context, causes and consequences. New York: Basic Books.

[iii] Campell, A., Converse, P. E. & Rodgers, W.L. (1976. The quality of american life. New York: Sage.

[iv] Köcher, R. (1985): Einstellungen zu Ehe und Familie im Wandel der Zeit. Stuttgart: Graphische Betriebe Süddeutscher  Zeitungsdienste.

[v] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (1998). Prävention von Trennung und Scheidung. Stutgart: Kohlhammer.

[vi] Telefonat mit dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden am 17.09.2001

[vii] Bodemann, G. (1995). Bewältigung von Stress in Partnerschaften. Freiburg Schweiz, Verlag Hans Huber

[viii] Hahlweg, K. (1999) Prävention von Paar- und Familienproblemen: Eine nationale Aufgabe. In: Schneewind.;. (Hrsg.)

[ix] Statistisches Bundesamt (2000). Pressemitteilung vom 6. September 2001

[x] Homes, T.H. & Rahe, R.H.: The social redjustment rating scale. Journal of Psychosomatic Research 11 (1967), 213-218

[xi] Diefenbach, H. (1999). Darum prüfe wer sich ewig bindet... Pressemitteilung der TU Chemnitz (2.8.1999).

[xii] Bodemann, G. (2001) Neuere Entwicklungen in der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Paartherapie. In: Psychotherapeut Band 46, Heft 3, Mai 2001, pp161-168. Heidelberg Springer.

[xiii] Schröder, B., Hahlweg, K., Hank, G. & Klann, N. (1994). Sexuelle Unzufriedenheit und Qualität der Partnerschaft (befriedigende Sexualität gleich gute Partnerschaft?). Zeitschrift für Klinische Psychologie, 23, 153-162.

[xiv] Deutsche Shell AG (2000). Die Shell-Jugendstudie 2000. Opladen, Verlag Leske & Burdich

[xv] Diefenbach, H. (1999). Darum prüfe wer sich ewig bindet... Pressemitteilung der TU Chemnitz (2.8.1999).

[xvi] Sanders, M.R. (1995). Families and mental health. In M.R. Sanders (Hrsg.), Healthy families: Healthy nation (S. 9-33). Brisbane: Australiean Academic Press.

[xvii] Lösel, F. & Bender, D. (1998): Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung zufriedener und stabiler Ehen: eine integrative Pespeitive. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1998) Prävention von Trennung und Scheidung - Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Schriftenreihe Band 151.

[xviii] Thurmaier, F., Engl, J. & Hahlweg, K. (1998): Eheglück auf Dauer? In: Zeitschrift für Klinische Psychologie, 28 (1), 54-62, Hogrefe-Verlag Göttingen.

[xix] Antonovsky, A. (1987). The salutogenic perspective: Toward a new view of health an ilness. Advances 4:47-55.

[xx] Helwig, J., O. (2000). Kinder stärken Ehen. Pressemitteilung der Universität zu Köln vom 29.08.2000

[xxi] Cox, M., Paley, B. / Payne C., C. (1998). Der Übergang zur Elternschaft: Risiken und Schutzfaktoren bei Eheproblemen. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Prävention von Trennung und Scheidung - Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Schriftenreihe Band 151. Mainz Kohlhammer.

[xxii] Halhlweg, K., Thurmaier, F. & Engel, J. (1998). Prävention von Beziehungsstörungen in der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundsministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Prävention von Trennung und Scheidung - Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Schriftenreihe Band 151. Mainz Kohlhammer.

[xxiii] Lask, J. & Hildner, A: KiSS - Ein Programm zur Ehevorbereitung (1996). Unveröffentlichtes Kursmanual.

[xxiv] Lask, J. & Veeser, W. (2001). Damit die Liebe bleibt - Integration von Ehe, Familie und Beruf - ein Präventionsprogramm von Beziehungsstörungen. Unveröffentlichtes Kursmanual.

[xxv] Döpfner, M. Schürmann, S. / Fröhlich, J. (1997). Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellen Problemverhalten THOP. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union.

Das Geheimnis glücklicher Ehen

von Joachim Lask 

Hochzeit. Ein Tag, den wir uns etwas kosten lassen. Gehört er doch zu den ganz wichtigen in unserem Leben. Bis dahin muss aber auch einiges geleistet werden: gute Schulausbildung, Lehre/Studium, zumindest ein gesichertes Einkommen mit entsprechender finanzieller Absicherung! Am besten einige Bausparverträge oder Lebensversicherungen, die für das Eigenheim schon angespart werden. Ach ja, Kinder sollen auch dazu kommen. Der richtige Zeitpunkt muss aber noch abgewartet werden, klar -  wegen der beruflichen Laufbahn und dem Auslandsaufenthalt, der einfach gut im Lebenslauf aussieht. Partnerschaft und Familie ist aber auch ein 'Muss'. Es bietet einem erst das rechte Gefühl Zuhause zu sein. Ohne einen Partner durch das Leben zu gehen, nein, da fehlt etwas Entscheidendes im Leben!

'Glücklicher zu zweit', so bringt es der Spiegel auf den Punkt (23.Okt.00)[i] und beschreibt, wie das Pendel zwischen Freiheit und Bindung entgegen der letzten Jahrzehnte, die im Zeichen von Selbstverwirklichung und Egoismus standen, in Richtung Sehnsucht nach Bindung schlägt. Und hierfür gibt es mehr als Indizien:

Wussten Sie, dass

r      ... in Untersuchungen über 90 % der Befragten eine langfristige, in der Regel lebenslange intime Beziehung zu einem Partner wünschen? [ii]

r      ... Partnerschaft und eine harmonische Familie als die wichtigsten Lebensziele genannt werden und deren Wert über den von Beruf, finanzieller Sicherheit und Freizeit eingeschätzt wird? [iii]

r      ... 87% der Bundesbürger Ehe & Familie als zentralen Faktor für Lebensqualität ansehen? [iv]

r      ... nationale und internationale Forscherteams fieberhaft nach Ehestabilisatoren suchen und Programme zur Prävention von Beziehungsstörungen testen?[v]

In der Tat besteht eine Sehnsucht nach Bindung, nach stabiler Zweisamkeit, die möglicherweise eine Reaktion ist auf Tempo, Kälte, Mobilität und Internet.


Wußten Sie auch, dass

r      ... die Scheidungsquote seit 1962 kontinuierlich ansteigt und derzeit bei über 37% liegt?*[vi]

r      ... die meisten Ehen im 5. Ehejahr auseinandergehen und die Scheidungshäufigkeit einen Verlauf mit drei Gipfeln im 3., 5. Und 19. Ehejahr hat?[vii]

r      ... nach Schätzungen in der Stadt jede 2. Ehe von Scheidung betroffen ist?[viii]

r      ... im Jahr mehr als 148.000 Kinder zu den Scheidungswaisen dazu kommen?[ix]

r      ... Ehescheidung zu den belastensten Ereignissen im menschlichen Leben gehören?[x]

r      ... 75% - 80% der Geschiedenen erneut heiraten (trotz des Scheidungstraumas), die meisten innerhalb von 3 Jahren nach der Scheidung und die Scheidungsquote der Wiederverheirateten über 60% liegt?7

r      ... Ehepartner aus geschiedenen Elternhäusern bis zu 2 1/2 mal höhere Scheidungsquote haben?[xi]

r      ... mit einer Scheidung in der Regel kein Abschluss der Probleme erfolgt, und nur 20% nach der Scheidung von einer 'Erleichterung' berichten?7

* Die Scheidungsquoten sind in der Regel Schätzungen. Die hier angegebenen "37 %" bedeuten, dass bezogen auf einen Ehejahrgang nach 25 Jahren ca. 37% der geschlossenen Ehen wieder geschiedenen sind. Insgesamt geben die Schätzungen an das mehr als 3. Ehe heute geschieden wird.

 

"Verliebt, verlobt verheiratet, geschieden..." so fängt ein Reim an, den unsere Kinder beim Seilhüpfen im Kindergarten vor sich aufsagten. Und in der Tat: Scheidung ist auch im Kindergarten zur Normalität geworden. Nach einer Auseinandersetzung zwischen meiner Frau und mir fragt eine unserer Töchter: laßt ihr euch jetzt scheiden?
Mir scheint es manchmal so, als ob uns die oben genannten Daten gar nicht mehr berühren. Zu sehr haben wir uns an das Leid Geschiedener und Scheidungskinder gewöhnt. Es trifft uns erst, wenn die Ehe von Freunden ins Wanken gerät oder gar unsere eigene in Frage gestellt wird. Erschütternd dabei ist, dass viele Paare und Eltern in Konfliktsituationen keine Hilfe aufsuchen, auch dann nicht, wenn die Ehe, am auseinanderbrechen ist.

Manchmal trifft es uns unerwartet im Alltag, wenn wir spüren und erleben, wie fern die Hoffnung und Träume für eine glückliche Ehe mit den unausweichlichen Realitäten zusammentreffen. Viele Fragen und der Wunsch, dass es doch möglich ist, brechen auf. So soll dieser Artikel über dreierlei informieren:

1.    Was wissen wir zu den Themen Ehestabilität und Ehezufriedenheit.

2.    Was wissen wir über Risikofaktoren für die Ehe.

3.    Was ist zu tun, wenn Paare ihre Ehe vorbereiten wollen bzw. Ehepaare ihre Beziehung pflegen wollen.

 

Ergebnisse aus der Paar- und Familienforschung

Angesichts der ansteigenden Scheidungszahlen hatte die Bundesregierung im Jahr 1997 in Heidelberg das Symposium zum Thema 'Prävention von Beziehungsstörung'5 organisiert. Internationale  Forscher stellten ihre Ergebnisse vor und diskutieren, was zu Ehezufriedenheit und Ehestabilität führt und mit welchen Maßnahmen Ehepaare hier gefördert werden können.
"Endlich - denn es wurde Zeit!" Endlich wird der schleichenden Resignation vor dem wachsenden Ehefriedhof und den stets zunehmenden Scheidungswaisen etwas entgegengesetzt. Bei aller Wertschätzung der Berater und Therapeuten die sich zur Aufgabe gemacht haben, Paaren zu helfen sich nicht in Krisen zu verfangen, der Ansatz der Prävention, also der Vorsorge war längst überfällig. Wir wissen inzwischen sehr gut, was krank ist oder auch was Störungen erzeugt. Völlig unterbelichtet ist jedoch unser Kenntnisstand was den Menschen gesund erhält. Endlich ist es auch soweit, dass Prävention in christlichen Seelsorgekonzepten nicht nur als Anhängsel auftaucht. Prävention gehört zum zentralen Bestandteil von Seelsorge, so, wie es etwa der 'Bildungsinitiative für Prävention, Seelsorge und Beratung' in ihrer Konzeption gelungen ist (www.bildungsinitiative.net).

 

Was ist nun das Geheimnis glücklicher Ehen?

Wenn ich 'glückliche Ehen' als zufriedene und stabile Partnerschaften definiere, gibt es aus der Paar- und Präventionsforschung zumindest fünf Antworten:


a)    Paare sollen miteinander reden können[xii]
Das klingt einfach - ist es aber nicht. Schon bei der einfachsten Übung, seinem Partner etwas angenehmes von sich zu berichten, straucheln die meisten Paare. Für das einfache Gespräch "Wie geht es dir, wie geht es mir" bleibt keine Zeit. Das es mir gut geht wird erst gar nicht berichtet und dass mir am anderen etwas gefällt, fällt mir schon nicht mehr auf. In meiner Ausbildung in Ehe- und Familientherapie hatten wir eine Aufgabe, unserem Partner eine konkrete Wertschätzung zu geben nach dem Muster "Ich schätze an dir ..., weil...". Nichts einfacher als das - dachte ich! Die Männer waren zuerst dran. Meiner Frau gegenüber sitzend begann ich meinen Satz und nach vier Worten schaute ich verzweifelt meinen Nachbarn an, der bereits zu mir schaute... Versuchen sie es selbst einmal.
Kommunikation ist das Nervensystem einer Ehe. Und ob dieses Nervensystem gesund ist, läßt sich sehr schnell feststellen, z.B. an den Fragen ob sich die Partner Gedanken und Gefühle offen mitteilen können, gemeinsame Zukunftspläne schmieden, sich bemühen, die Wünsche des anderen zu merken und sie auch zu erfüllen, sich entschuldigen können oder den Partner nach seinen Alltagserfahrungen fragen. Dabei geht es um drei Fähigkeiten des Sprechens und Zuhörens.
r Ich-Botschaft drücken die Betroffenheit besser aus als Du-Botschaften: statt "das war gut" besser "ich finde gut was du tust" oder statt "du bist so spät" besser "ich habe auf dich gewartet"
r Konkrete Situationen und Verhalten ansprechen verhindert Verallgemeinerungen: statt "du hast schon wieder alles Geld ausgegeben" besser "gestern habe ich Geld abgehoben, und heute hast du es bereits ausgegeben"
r Beim Thema bleiben ist vor allem dann angesagt, wenn die Gefühle intensiv werden. Wenn schon einmal das Thema angesprochen ist leiten uns die Gefühle zu passenden weiteren Erinnerungen. Und unter der Rubrik "Und außerdem, was ich dir noch sagen wollte ..." häufen sich dann Anschuldigungen, die den anderen platt machen.

Auch das gute Zuhören läßt sich in drei Regeln fassen:
r Gesten des Zuhörens erleichtern dem anderen überhaupt das Gespräch fortzusetzen. Es sind die kleinen Signale, das mmh, ah, oder das Kopfnicken, das dem anderen signalisiert "ich höre zu". Versuchen sie in einem Telefonat für nur 20 Sekunden genau auf diese Signale zu verzichten in dem sie das Mikrophon zuhalten. Der "Hallo - bist du noch da?" wird der Gesprächspartner irritiert rufen.
r Das Zusammenfassen des Gehörten verhindert sehr effektiv die vielen Missverständnisse zwischen Paare. Sicherlich ließen sich mehr als 50% der negativen Streitereien verhindern, wenn wir uns nur bemühen würden, unseren Partnern zu sagen, wie und was wir von ihm verstanden haben. Nicht umsonst hat uns Gott zwei Ohren und nur einem Mund gegeben, damit wir doppelt so lange zuhören statt sprechen.
r Durch interessierte Nachfragen zeigt der Zuhörer seinem Partner sein Bemühen, die Welt des anderen tatsächlich erkunden zu wollen. Dabei macht der Ton hier die Musik. Die Frage der Frau "Warum hast Du nicht angerufen?" kann dem Mann die Gelegenheit bieten, seine Situation des Zuspätkommens zu erklären. Hat die Frage jedoch einen süffisanten Unterton könnte sie folgendes bedeuten: "Du Blödmann, du hättest doch anrufen können; noch nicht einmal das bekommst du hin; so wenig bin ich dir wert; da sehen wir es wieder mal!!".


b)    Paare sollen sich einander unterstützen können7
Auch das klingt zunächst problemlos. Die Stressforschung hat hier gezeigt, dass jeder Partner in seiner Art auf Stress reagiert. Der eine wird unter Stress ruhig und starr, der andere reagiert auf Druck mit körperlichen Symptomen, wird hektisch in seinem Verhalten und Stimme. Dazu kommt: die Bewältigung von Stress managt jeder Partner ebenfalls auf seine Weise. So sucht der eine im Kontakt zu anderen seinen Ausgleich und geht in die Gemeinde, ruft einen Bekannten an oder trifft sich zum Spieleabend. Für den anderen Partner kann genau das zusätzlichen Stress bedeuten. Er will vielleicht viel lieber in Ruhe ein Buch lesen, Singen und Beten, oder sich einfach in die Badewanne legen. Das Geheimnis glücklicher Ehepaare liegt hier darin, dass ich weiss, was mein Partner zur Unterstützung braucht, statt meine eigenen Lösungsansätze dem anderen überzustülpen.
Anforderungen und Belastungen, also Stress, treten insbesondere in Zeiten von Veränderungen auf, z.B. die Familiengründung, die berufliche Entwicklung (Fortbildung, Karriere, Umzug) die Pflege der (Schwieger)Eltern verändern das Leben plötzlich erheblich. Gerade dann, wenn wenig Zeit bleibt, ist die gegenseitige Unterstützung als Ehepaar wichtig. Dies geschieht etwa wenn Ehepaare sich in heiklen Situationen auf Terminabsprachen verlassen können, finanzielle Angelegenheiten gemeinsam regeln, beide von der Stabilität der Partnerschaft überzeugt sind, um die Ehrlichkeit des anderen wissen, gemeinsame Lebensziele verfolgen, einen gemeinsamen Freundeskreis pflegen, Beratung und Seelsorge aufzusuchen, oder einander vergeben können.


c)     Paare sollen ihre Intimität pflegen und fördern[xiii]
In der Intimität erleben Ehepaare eine der intensivsten Formen des Zueinandergehörens. Deshalb kommt es für Ehepaare darauf an, den Bereich der Intimität zu pflegen, d.h. sich Wünsche und Vorlieben mitzuteilen, Intimität nicht nur auf Sexualität zu reduzieren sondern der Zärtlichkeit in der Beziehung genauso Raum zu geben.
Sind die eigenen Erfahrungen mit der Sexualität positiv, gelingt Intimität besser. Jedoch steht auch fest, dass nahezu alle Ehepaare von kleinen oder größeren Störungen in der Sexualität berichten können. Gerade in der Intimität gilt: heimliche Wünsche werden unheimlich selten erfüllt. Daher bedarf es immer wieder Mut, Angst und Scham zu überwinden. Tipp: Lesen sie sich gegenseitig ein Buch zur Sexualität vor. Dies kann ein guter Einstieg in das Gespräch sein.

Hier eine kurze Bemerkung zum vorehelichen Geschlechtsverkehr. Heute (und sicherlich auch früher) ist es eine Herausforderung mit jungen Paaren über "vorehelichen Geschlechtsverkehr" zu sprechen, insbesondere wenn man sexuelle Intimität als exklusives Gut der Ehe versteht. Der Zeitgeist nicht nur von Jugendzeitschriften oder  diverser Teenie TVsendungen hämmern es uns ins Bewusstsein, dass Geschlechtsverkehr vor der Ehe ausprobiert werden muss? Kürzlich sagte mir ein Kollege aus der stationären Jugendarbeit, dass seine Jungs Angst haben schwul zu sein, weil sie mit 13 Jahren noch nicht mit einem Mädchen geschlafen hätten. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang die Untersuchungsergebnisse z.B. der Shell-Jugendstudie 2000[xiv] , die zeigen, dass es insbesondere junge Menschen sind, die sich den einen Partner für das Leben wünschen. Eine weitere aktuelle Untersuchung von der Uni Chemnitz (1999)[xv] zeigt, dass die relative sexuelle Unerfahrenheit beider Partner vor der Heirat ein Ehestabilisator ist. Ich bin der Meinung, dass wir uns neu auf den Weg machen müssen, um weitere plausible Argumente zu finden, die sexuelle Intimität als exklusives Gut der Ehe zu beschreiben, statt moralische Knüppelungen vorzunehmen.


d)    Paare brauchen Unterstützung für ihre Elternschaft[xvi]
Häufig werden Ehepaare nach kurzer Zeit zu Eltern oder bringen bereits Ihre Kinder zur Hochzeit mit. Alle Eltern wissen wie beglückend es ist Kinder zu haben, Elternschaft aber nicht immer einfach ist. Oft kann die Erziehung von Kindern auch anstrengend und frustrierend sein. Die persönlichen und partnerschaftlichen Bedürfnisse werden z.T. auf das Äußerste frustriert. In vielen Untersuchungen wurde immer wieder nachgewiesen, wie die Ehezufriedenheit mit der Familienbildung abnimmt. D.h. für die Ehebeziehung bleibt häufig zu wenig Zeit übrig, statt dessen wird sie für die Erziehung und berufliche Entwicklung verbraucht. Und Erziehung muss genauso wie Partnerschaft gelernt werden.
Inzwischen gibt es verschiedene Elterntrainings, die auf ihre Effektivität erforscht wurden. Hier werden Eltern Fähigkeiten vermittelt zum Kind eine positive Beziehung aufzubauen, erwünschtes Verhalten zu fördern oder unerwünschtes Verhalten zu reduzieren. Um zu seinem Kind eine positive Beziehung aufzubauen ist es z.B. wichtig regelmäßig während des Tages kurze Zeitspannen - und seien es nur 1 oder 2 Minuten - mit dem Kind zu verbringen. Es ist für Kinder wichtiger, dass Eltern sich oft für kurze Zeit mit ihnen beschäftigen, als wenn sie sich z.B. nur einmal am Tag eine ganze Stunde Zeit nehmen.


e)    Paare sollen den Sinn für die Partnerschaft immer neu finden[xvii]
Bisherige Effektstudien haben ergeben, dass Ehevorbereitungsseminare, die sich auf die Aspekte Kommunikation und Stressbewältigung beziehen, nachweislich vorbeugende (also präventive) Wirkungen auf Beziehungsstörungen  haben, vergleicht man diese Trainingsgruppe mit einer Kontrollgruppe. Jüngste Forschungsergebnisse lassen jedoch auch den Schluss zu, dass nach ca. 5 Jahren dieser Präventionseffekt deutlich bis ganz nach läßt. [xviii] "Immer hin - besser als Nichts" könnte man sagen. Auf dem Heidelberger Symposium zur 'Prävention von Beziehungsstörung' ging man aber weiter und fragte sich, ob es nicht noch weitere Fähigkeiten für Ehepaare gibt, die langfristig Ehestabilität und Ehezufriedenheit fördern.
Hier verweisen Paarforscher auf Untersuchungen des amerikanisch-israelischen Mediziners Aron Antonovski [xix], der zeigen konnte, dass Menschen insbesondere dann gesund bleiben, wenn sie für ihr Leben das Gefühl von Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit entwickeln können. Daher wird vermutet, dass das Gefühl von Sinnhaftigkeit in der Ehe ein weiterer wichtiger Faktor für eine stabile und zufriedene Ehe darstellt.
Den Sinn der Ehe immer wieder neu zu finden könnte die Kunst des Ehepaars sein, in den jeweiligen Lebensphasen jeweils neue Visionen und hilfreiche Ziele für das gemeinsame Leben zu entdecken. Diese gemeinsame Sicht von der Zukunft stellt eine starke Ressource dar, durch die es dem Paar leichter wird, das Wichtige vom Unwichtigen, das Große vom Kleinen zu unterscheiden. Alltagskonflikte können so überzeugender in die Schranken gewiesen werden und müssen sich nicht zu unüberwindbaren Hindernissen aufspielen. Sinnfragen haben zumeist auch etwas mit der religiösen Orientierung des Einzelnen und des Paares zu tun.

 

Risikofaktoren für die Ehe


Inzwischen hat die Scheidungsforschung Risikofaktoren gefunden, die Ehestabilität verringern. Hier möchte ich drei ausgewählte Ergebnisse vorstellen:

a)    Ausgedehnte Partnersuche wirkt wie ein Filter für unpassende Partnerschaften[xx]
'Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was besseres findet' - so eine alte Weisheit, die Eltern gerne nennen, um die Partnerwahl ihrer Kinder aufzubessern. Eine Untersuchung aus der Uni Köln 13 korrigiert diese Weisheit: Die ausgedehnte Partnersuche erhöht die Wahrscheinlichkeit den "falschen Partner" zu wählen. Immer häufiger wird die Ehe im gemeinsamen Haushalt ohne Trauschein geprobt. Paßt die Verbindung, so wird die Ehe nachgeholt; scheitert die Partnerschaft endet sie in einer Trennung vor einer Eheschließung.
Von aufgelösten vorehelichen Partnerschaften wird die Vorstellung von einem geeigneten Partner geschärft. Eigentlich sollte erwartet werden, daß durch solche vorehelichen Erfahrungen der Sucherfolg erhöht und damit auch die Ehestabilität. Andererseits zeigt sich aber, daß die Barrieren einer Scheidung durch voreheliche Trennungserfahrungen gesenkt werden; denn die Auflösung einer Lebensgemeinschaft stellt einen Mißerfolg dar, da die Suche nach einem geeigneten Partner ergebnislos blieb. Demgegenüber bedeutet die Trennung von Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt zwar eine Enttäuschung, sie werden aber nicht als Mißerfolg empfunden. Sie haben daher auch keinen starken negativen Effekt auf die Stabilität einer Ehe.

b)    Wird Scheidung vererbt?
Kinder aus Scheidungsfamilien leiden am meisten, unter den Konflikten vor und nach einer Scheidung. Folglich wäre anzunehmen, dass diese 'gebrannten' Kinder aus dem Schaden klug werden. Forscher der UNI Chemnitz15 sind der Frage nachgegangen, ob in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, geschieden zu werden, sich von den Eltern auf die Kinder übertragen wird ("Soziale-Vererbung").
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass Kinder geschiedener Eltern tatsächlich später häufiger selbst geschieden werden als Kinder nicht geschiedener Eltern, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Ehen, in denen einer der Partner geschiedene Eltern hat, werden rund anderthalb Mal häufiger geschieden als Ehen zwischen Partnern mit nicht geschiedenen Eltern. Haben beide Partner geschiedene Eltern, ist die Scheidungsrate gar zweieinhalb Mal höher. Insbesondere diesen Risikopaaren wird geraten, zur Ehevorbereitung Trainingsseminare zu besuchen. Die positive Effektivität solcher Maßnahmen konnte in Untersuchungen belegt werden.11

c)     Der Übergang zur Elternschaft kann zum Stolperstein der Ehe werden
Der Übergang von der Partnerschaft zur Elternschaft stellt wie schon oben beschrieben oft eine schwierige Zeit für die Ehe dar; in den Monaten und Jahren nach der Geburt des ersten Kindes zeigt sich ein genereller Trend, sich in der Ehe unglücklicher und belasteter zu fühlen und vermehrt Konflikte zu erleben.
Dennoch erleben nicht alle Paare diese Zunahme an Belastungen und Konflikten und nicht alle Paare, die diese negativen Veränderungen durchmachen, lassen sich scheiden. Dies scheint - so eine Untersuchung von Martha Cox u.a.(1998)[xxi] von der Qualität der Beziehungen, die Personen in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben. Es scheint so, dass Personen, die zu ihren eigenen Eltern eine sichere Beziehung erlebt haben oder eine schwierige Beziehung zu den Eltern überwunden konnten, weniger gefährdet sind, in konfliktreichen Übergangszeiten die Bindung an die Ehe zu verlieren.


Diese Ergebnisse aus der Paar- und Risikoforschung fordern Kirche und Gesellschaft heraus, verlobten Paaren und Ehepaaren Hilfen für gelingende Partnerschaft anzubieten. Jedem ist das doch eigentlich klar - oder? Wir sind davon überzeugt, dass Gott diese Ehe in seiner Schöpfung gestiftet hat, als ergänzende Gemeinschaft zwischen Mann und Frau sich zum Gegenüber. Wir sind davon überzeugt, dass Ehe und Familie die Urzelle der menschlicher Gemeinschaft und Gesellschaft ist. Aber wie gehen wir damit um? Wie pflegen wir unsere Ehen und Familien? Selbstverständlich ist, dass wir unser Auto alle 10.000 km zur Inspektion bringen, für einen teuren Kopierer einen Wartungsvertrag abschließen, und für Versicherungen aller Art sind wir sehr empfänglich.
Was passiert aber, wenn sich ein Paar zu einem Eheseminar anmeldet. Sicher ist: Frotzeleien bleiben ihnen nicht erspart! 'Habt ihr das nötig?', 'Müsst ihr da hin' oder ähnliche Bemerkungen bleiben nicht aus. Machen Sie doch selbst einen Assoziationstest und stellen sich einmal vor, der Bundeskanzler oder Ministerpräsident Ihres Landes meldet sich zu einem Eheseminar an...
Man muß sich fragen ob es zunehmend zur Verantwortung von verantwortlichen Schwestern und Brüdern in den Gemeinden gehört, ihr seelsorgerliches Hirtenamt mit dem Schwerpunkt auf Vorbeugung (Prävention) wahrzunehmen. Ein erster Schritt könnte sein, wenn Verantwortliche aus Kirchen und Gemeinden zunächst selbst mit gutem Beispiel vorangehen, um den Weg für präventive Seminare frei zu machen.

 

Was können Verlobte und Verheiratete tun?

Meines Erachtens sind es zwei Dinge, die hier ganz wichtig sind:

1.    Als Verlobte oder Verheiratete brauchen wir ein Bewusstsein, dass Prävention eine Form von Verantwortung für die Beziehung ist. Keiner von uns würde darauf verzichten wollen, in seinem Haus auf Brandschutzmaßnahmen zu verzichten, auch wenn das Haus niemals abbrennen wird. Prävention heißt also nicht, dass Schlimmste zu verhindern sondern für das Gute zu sorgen.

2.    Wir brauchen effektive Seminare und Trainingsprogramme, die sich auf die Vermittlung von Fähigkeiten beziehen. Obwohl von verschiedenen Institutionen und Organisationen die Notwendigkeit für Ehe-Kursen oder Ehe-Investitionsmaßnahmen gesehen werden, vermisse ich in den Eheseminare, oder Verlobtenseminare das konkrete Training der einzelnen Fähigkeiten bzw. die Begleitung der Ehepaare bei der Umsetzung der Seminarinhalte in den Ehealltag. Die Frustration, Gutes gelernt zu haben, aber nichts davon im Ehealltag zu tun ist dann hoch. Ich bin der Überzeugung, sämtliche Eheseminare hätten alle eine doppelt so positiven Effekt, wenn das Verhältnis von Vortrag und Training 1/3 betragen würde. Und Paare könnten noch mehr profitieren, wenn sich jedem Seminar eine 3-6 wöchige telefonische Unterstützung durch die Seminarleitung erfolgt. Erfahrungen aus dem Seminar, erworbene Einsichten und Fähigkeiten könnten so in den Ehealltag umgesetzt werden.

 

Hier liste ich einige Beispiele von Programmen auf, die nach ähnlichen Prinzipien wie ich sie eben aufgeführt habe arbeiten.

r      EPL: in 'Ein Partnerschaftliches Lernprogramm' werden vor allem Fähigkeiten zur Kommunikation und zum Streitverhalten mit intensiven Übungseinheiten gelernt.[xxii]

r      KiSS: das Seminar zur Ehevorbereitung nimmt Inhalte vom EPL auf, berücksichtigt jedoch die Ergebnisse der Stressforschung und akzentuiert 'Spiritualität und Glaubenserleben' deutlich als Teil der Eheidentität. KiSS steht für Kommunikation, Intimität, Identität, Spiritualität und Glaubenserleben, Stressbewältigung[xxiii]

r      'Damit die Liebe bleibt - Integration von Ehe, Familie und Beruf' richtet sich an Paare, die schon längere Zeit verheiratet sind, setzt an Ressourcen des Paares an, und konzentriert sich auf die Faktoren Kommunikation, gegenseitige Unterstützung, Intimität und eheliche Sinnfindung. Es folgt eine 4 wöchige telefonische Begleitung.[xxiv]

r      PEP: Positives Erziehungs-Programm für Kids (2-12) und Teens (12-17). Vierwöchiges Erziehungstraining für Eltern plus vierwöchigem TelefonCoaching als Begleitung zur Umsetzung des Gelernten in den Erziehungsalltag.(siehe www.elternkompetenz.de)

r      THOP oder Triple P: Elterntrainingskonzepte.[xxv]

 

Die dargestellten Programmen haben gemeinsam, dass sie im wesentlichen Trainingsseminare sind und die vorangestellten Ergebnisse der Paar- und Präventionsforschung berücksichtigen. Unter Fachanleitung werden den Verlobten, Ehepaaren oder Eltern in kleinen Übungsgruppen (4-6 Paare) die entsprechenden Fähigkeiten vermittelt. Bei 'PEP' und 'Damit die Liebe bleibt', schließt sich dem Training eine 4 wöchige Begleitung per Telefon an.

Jedes Paar erhält einen Begleiter, der bei der Umsetzung des Gelernten im Ehealltag telefonisch hilfreich zur Seite steht. Diese Telefonkontakte bieten dem Ehepaar die Möglichkeit, alles anzusprechen, was ihnen in der Umsetzung noch Schwierigkeiten bereitet. Die Trainer fragen nach, welche Aufgaben gemacht wurden und was dabei gelungen ist. Dann werden weitere Ziele für die nächste Woche festgelegt. Und dies 4 Wochen lang. Ehepaare und Eltern, die diese Unterstützung erfahren haben, berichten, dass erst hierdurch die Seminarinhalte im Alltag wirksam geworden sind.

 

 

Zusammenfassung

Das Geheimnis glücklicher Ehen finden die Paare, die Glück und Stabilität ihrer Partnerschaft auch über die Hochzeit hinweg hegen und pflegen. Die Liebe bleibt, weil Paare miteinander reden, einander unterstützen, sich um Intimität kümmern, Erziehung gemeinsam verantworten und den Sinn für die Ehe miteinander immer wieder neu finden.

 

Kurzvita:

Joachim Lask, Jg. 62, ev., verh., 4 Kinder. Gärtner, Diplom-Psychologe, aprobierter Psychotherapeut tätig in freier Praxis, mit den Arbeitsschwerpunkten Ehe- und Familientherapie, Ausbildungsleiter in präventiver Ehe- und Familienberatung, Mitarbeiter der Bildungsinitiative für Prävention, Seelsorge und Beratung, Herausgeber der Zeitschrift NEWSLETTER-EHESEELSORGE.NET (http://eheseelsorge.net), Kirchenvorstand der Evangelischen Landeskirche in Nieder-Ramstadt.

 

 

 

 

Literatur



[i] Wellershoff, M. (2000). Glücklicher zu zweit. Der Spiegel Nr 43/23.10.2000, pp. 300-316.

[ii] Levinger, G. & Moles, O.C. (Eds.) (1979). Divorce and separation: Context, causes and consequences. New York: Basic Books.

[iii] Campell, A., Converse, P. E. & Rodgers, W.L. (1976. The quality of american life. New York: Sage.

[iv] Köcher, R. (1985): Einstellungen zu Ehe und Familie im Wandel der Zeit. Stuttgart: Graphische Betriebe Süddeutscher  Zeitungsdienste.

[v] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (1998). Prävention von Trennung und Scheidung. Stutgart: Kohlhammer.

[vi] Telefonat mit dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden am 17.09.2001

[vii] Bodemann, G. (1995). Bewältigung von Stress in Partnerschaften. Freiburg Schweiz, Verlag Hans Huber

[viii] Hahlweg, K. (1999) Prävention von Paar- und Familienproblemen: Eine nationale Aufgabe. In: Schneewind.;. (Hrsg.)

[ix] Statistisches Bundesamt (2000). Pressemitteilung vom 6. September 2001

[x] Homes, T.H. & Rahe, R.H.: The social redjustment rating scale. Journal of Psychosomatic Research 11 (1967), 213-218

[xi] Diefenbach, H. (1999). Darum prüfe wer sich ewig bindet... Pressemitteilung der TU Chemnitz (2.8.1999).

[xii] Bodemann, G. (2001) Neuere Entwicklungen in der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Paartherapie. In: Psychotherapeut Band 46, Heft 3, Mai 2001, pp161-168. Heidelberg Springer.

[xiii] Schröder, B., Hahlweg, K., Hank, G. & Klann, N. (1994). Sexuelle Unzufriedenheit und Qualität der Partnerschaft (befriedigende Sexualität gleich gute Partnerschaft?). Zeitschrift für Klinische Psychologie, 23, 153-162.

[xiv] Deutsche Shell AG (2000). Die Shell-Jugendstudie 2000. Opladen, Verlag Leske & Burdich

[xv] Diefenbach, H. (1999). Darum prüfe wer sich ewig bindet... Pressemitteilung der TU Chemnitz (2.8.1999).

[xvi] Sanders, M.R. (1995). Families and mental health. In M.R. Sanders (Hrsg.), Healthy families: Healthy nation (S. 9-33). Brisbane: Australiean Academic Press.

[xvii] Lösel, F. & Bender, D. (1998): Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung zufriedener und stabiler Ehen: eine integrative Pespeitive. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1998) Prävention von Trennung und Scheidung - Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Schriftenreihe Band 151.

[xviii] Thurmaier, F., Engl, J. & Hahlweg, K. (1998): Eheglück auf Dauer? In: Zeitschrift für Klinische Psychologie, 28 (1), 54-62, Hogrefe-Verlag Göttingen.

[xix] Antonovsky, A. (1987). The salutogenic perspective: Toward a new view of health an ilness. Advances 4:47-55.

[xx] Helwig, J., O. (2000). Kinder stärken Ehen. Pressemitteilung der Universität zu Köln vom 29.08.2000

[xxi] Cox, M., Paley, B. / Payne C., C. (1998). Der Übergang zur Elternschaft: Risiken und Schutzfaktoren bei Eheproblemen. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Prävention von Trennung und Scheidung - Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Schriftenreihe Band 151. Mainz Kohlhammer.

[xxii] Halhlweg, K., Thurmaier, F. & Engel, J. (1998). Prävention von Beziehungsstörungen in der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundsministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Prävention von Trennung und Scheidung - Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Schriftenreihe Band 151. Mainz Kohlhammer.

[xxiii] Lask, J. & Hildner, A: KiSS - Ein Programm zur Ehevorbereitung (1996). Unveröffentlichtes Kursmanual.

[xxiv] Lask, J. & Veeser, W. (2001). Damit die Liebe bleibt - Integration von Ehe, Familie und Beruf - ein Präventionsprogramm von Beziehungsstörungen. Unveröffentlichtes Kursmanual.

[xxv] Döpfner, M. Schürmann, S. / Fröhlich, J. (1997). Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellen Problemverhalten THOP. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union.

 

    

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