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Gesucht: Fachkraft mit Familiensinn

Der alternden Gesellschaft drohen junge Arbeitnehmer auszugehen. Väter und Mütter, die wegen der Kinder zu Hause bleiben, werden bald gebraucht in den Firmen. Doch wo gibt es gute Jobs für gute Eltern? Ein Ausflug in moderne Betriebe

Elisabeth von Thadden

Beginnen wir mit einer Rarität. Mit der wahren Geschichte des zweifachen Vaters, der eine Führungskraft ist, als solche seit dem 1. April und für 18 Monate freiwillig in Teilzeit arbeitet. Das hat ihm ein Unternehmen ermöglicht, welches begriffen hat, wie kostbar solch eine Eier legende Wollmilchsau sein kann. Und der Mann, jawohl, ist bei alledem glücklich.

Stephan Eisenberg sein Name, 43 Jahre alt, promovierter Ingenieur, seit drei Jahren Abteilungsleiter Metall im Zentrallabor von VW, Vorgesetzter von 60 Mitarbeitern, seit 10 Jahren Vater einer Tochter und seit 22 Monaten eines Sohnes. Er selbst beginnt die Unterhaltung mit der Frage, kleiner Qualifikationsnachweis, ob die Gesprächspartnerin Kinder habe, sich um Kinder kümmern könne? Erste Frage an den Abteilungsleiter: Spricht er als Chef mit potenziellen Mitarbeitern auch über die Familie? "Darüber, dass VW ein idealer Arbeitgeber für Leute ist, die bei aller fachlichen Kompetenz auch eine Familie gründen wollen, reden wir schon. Und über den Wettbewerbsvorteil für VW, der in der Familienfreundlichkeit liegt."

Seine Frau, ebenfalls Akademikerin, ist gegenwärtig zwei Tage pro Woche berufstätig, er an den anderen Tagen. Führungskraft in Teilzeit, das heißt im Fall Eisenbergs: Mittwochs und freitags ist er zu Hause, notfalls per Handy erreichbar, aber Anrufer müssen sich die Aufmerksamkeit teilen - mit dem schreienden Kleinen, der Tochter und ihren Schulaufgaben, dem Besucher an der Haustür.

"Die Anforderungen in der Familie sind oft höher als die im Berufsleben", sagt Eisenberg, "weil in der Familie keine Wartezeiten eingeschoben werden können. Weil alles sofort und gleichzeitig geschehen muss." Als die Soziologin Arlie Hochschild aus Berkeley vor ein paar Jahren in ihrer aufsehenerregenden Studie Time Bind nachwies, dass berufstätige Eltern in Amerika das Angebot familienfreundlicher Arbeitsplätze kaum annehmen, belegte sie nebenbei genau diese Wahrnehmung Stephan Eisenbergs. In der Firma ist der Tag überschaubar, ruhig, kurz: heimischer als zu Hause. Weshalb eben die Eltern in Hochschilds Studie ihr Heim in der Firma sahen, statt freiwillig nach Hause zu gehen.

Doch in Europa vollzieht sich gegenwärtig eine beachtliche Gegenbewegung zur kompletten Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt. Eine Gegenbewegung, die darauf zielt, den Einzelnen nicht nur als Funktionsträger im Betrieb, sondern als Person mit Verantwortung für eine Familie und die eigene seelische Gesundheit zu respektieren. Schon Henry Ford wusste zwar, dass Familienväter gefestigtere Mitarbeiter sind als Alleinstehende, aber ökonomische Rationalität und die Bedürfnisse einer Familie vertragen sich so gut wie Feuer und Wasser. Schutz der Familie? Galt als Sache des Staates, nicht des Marktes. Schutz des Privaten? Sollte doch jeder, möglichst die Frauen, selber zusehen. Doch diese Haltung ändert sich nun langsam.

Europas Unternehmen erleben heute eine "stille Revolution", wie Gisela Erler sagt. Erler ist auf dem Alten Kontinent eine Mutter des Gedankens von der work-life-balance, der Ausgewogenheit von Arbeit und Privatleben. Aus Amerika brachte sie den family friendly index nach Europa mit, jenes Instrument, mit dem Unternehmen ihre erwiesene Familienfreundlichkeit bekannt machen können. Als Chefin der Familienservice GmbH ist sie erfolgreiche Unternehmensberaterin, seit Ende Juni auch Direktorin der europäischen "Work-Life-Balance-Konferenz". Die Revolution, die Erler beobachtet, vollzieht sich zu einem denkbar günstigen historischen Moment: Sie ist, selten genug bei Revolutionen, im Interesse beider Seiten, hier der Unternehmen wie der Arbeitnehmer.

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellt sich heute vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft: In Deutschland - ähnlich wie in den anderen Ländern Europas - ist die Zahl der unter Zwanzigjährigen von 30,4 Prozent im Jahr 1950 bis auf 21,4 Prozent im Jahr 1998 gesunken; also geht der qualifizierte Nachwuchs aus. Die Frage stellt sich mithin in dem Moment, da Unternehmen auf gut ausgebildete Frauen, die der Kinder wegen zu Hause bleiben, unter ihnen die wachsende Zahl von Alleinerziehenden, nicht länger verzichten können - aber nur jede zweite deutsche Mutter mit Kindern im Vorschulalter geht bezahlter Arbeit nach (siehe Grafik unten), obwohl nur eine kleine Minderheit wünscht, ganz zu Hause zu sein.

Gleichzeitig sorgt das gewandelte Selbstbild der Geschlechter dafür, dass sich Männer in der Rolle des Familienernährers nicht mehr so wohlfühlen wie früher. Die jüngste Studie des Familienministeriums hat gezeigt, dass sich nur ein Drittel der Väter in Deutschland als "reine Brotverdiener" verstehen. Die große Mehrheit betrachtet sich als Erzieher der Kinder. Noch aber können oder wollen sie die neue Haltung mit den Anforderungen des Erwerbslebens selten in Einklang bringen, so schnell lässt sich auch jene traditionelle männliche Selbstdefinition nicht umbasteln: dem Beruf mit eben dem Herzen und der Seele zu dienen, auf die doch das Private, die Familie, den ersten Anspruch erhebt.

Wer nun als Arbeitnehmer um Rücksicht aufs Privatleben kämpft, muss die private Sphäre einschränken, indem er dem Arbeitgeber erzählt, wie er lebt, leben will, auf dass die Gestaltung seines Arbeitsplatzes seinen Bedürfnissen entgegenkomme. Dies bedeutet zwar nicht, das Persönlichste zu Markte zu tragen, aber doch die Bereitschaft, aus der eigenen Lebensform kein Geheimnis zu machen. Derlei nimmt in Kauf, wer eine bessere Balance seines Lebens wünscht und gleichermaßen auf Flexibilität wie auf Sicherheit angewiesen ist.

Das heißt: andauernd schaukeln. Wenn der Älteste in die Schule kommt, entstehen andere Engpässe, als wenn die alte Mutter Pflege braucht. Wenn sich ein neues Kind ankündigt, ist wieder eine andere Regelung nötig. Es geht also um Millionen von Einzelfällen, und zwar immer von neuem. Die Frage, wie sich beständige Bindungen gegen einen Markt retten lassen, der von Natur aus nicht rücksichtsvoll ist, handelt von einer Quadratur des Kreises, und die reizvolle Antwort lautet, dass es quadratische Kreise geben kann. Wenngleich das Kunststück bisher vor allem bei den umworbenen gut Ausgebildeten glückt. Wer in der Szene der Vorkämpfer für die Work-Life-Balance skeptisch nach den Chancen der einfachen Leute fragt, Beruf und Familie in Einklang zu bringen, der wird um Geduld gebeten: eins nach dem anderen, Unternehmenskulturen ändern sich langsam, ehret die Anfänge.

Den Abteilungsleiter Eisenberg, der an 60-Stunden-Wochen gewöhnt war, zog es zu seinen Kindern. Als das zweite kam, nicht zufällig, hieß das für Eisenberg: "Ich wollte sein Aufwachsen begleiten, warum sonst bekämen wir noch ein Kind? Also wollte ich im Beruf reduzieren." Ganz einfach. Ganz einfach? "Arbeitszeitmanagement muss jeder beherrschen, der eine Führungskraft werden will", sagt Eisenberg, "wer sich gegen seinen Willen von der Arbeit private Zeit wegnehmen lässt, gerät auf Dauer in Konflikte, die arbeitsunfähig machen." Mit den Vorgesetzten, die ihn nicht ersetzen wollten, und den Mitarbeitern beriet er, wie sich die Organisation der Arbeit strikter planen ließe. DerArbeitgeber VW ließ sich nicht lange bitten, sondern hat das neue Modell zusammen mit ihm erarbeitet. Eisenberg teilt seine Aufgabe mit niemandem, aber er delegiert. "Ein wenig ist die Belastung im Umfeld der Kollegen gestiegen. Aber die vereinbarten Aufgaben schaffe ich."

Entscheidungen müssen frühzeitig vorbereitet werden, und die Mitarbeiter müssen in seiner Abwesenheit selbst beurteilen, welche Anfrage warten kann, welche bearbeitet werden muss und welche den Anruf zu Hause erforderlich macht. Aber solche Anrufe kommen selten. Und die jüngeren unter den Kollegen sehen aufmerksam zu, wie man das macht: Beruf und Familie in eine Balance zu bringen. Als Mann! Als Führungskraft! Freiwillig! In Teilzeit! Es ginge also doch: Eltern zu sein, die Arbeit zu teilen, das Leben an der Existenz von Kindern auszurichten, ohne vom Arbeitgeber dafür bestraft zu werden. Es geht, aber nur wenige tun es bisher: Nur fünf Prozent der Männer arbeiten in Teilzeit.

Volkswagen hat sich unter dem neuen Zauberwort "Work-Life-Balance" einer Initiative des Bundesfamilienministeriums angeschlossen, die auf mehr "Spielräume für Väter" zielt. VW-Vorstandsmitglied Peter Hartz ließ jüngst, natürlich beim "Work-Life-Balance-Tag" des Konzerns, wissen, dass Frauen heute "erfolgreiche Väter" an ihrer Seite wollen, im Beruf wie in der Familie, und dass es eine Frage kluger Planung sei, "qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Mütter wie Väter, dem Unternehmen zu erhalten".

Hartz fand sich in schöner Einigkeit mit Klaus Volkert, dem Vorsitzenden des Gesamt- und Konzernbetriebsrates von VW. Auch Volkert forderte, sich von der "nahezu unbeschränkten zeitlichen Verfügbarkeit als beruflicher Tugend" zu trennen. Vorbei, vorbei die Zeiten, als Familienfreundlichkeit sich im Slogan erschöpfte: "Am Samstag gehört Vati mir"! Ob die Arbeitswelt sich an der Familie orientiere, so sagt es Paul Kirchhof, Verfassungsrichter a. D., sei heute ein Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft.

Als sich im Sommer in Brüssel Vertreter großer europäischer Unternehmen zur zweiten "Work-Life-Conference" trafen (nebenbei ein Elterntreffen auf höchster Ebene), wäre Herrn Eisenbergs Beispiel aus dem kleinen Wolfsburg willkommen gewesen. "Wir brauchen neue Vorbilder", forderte dort Wilma Borghoff, Führungskraft bei Ford Deutschland, "wir brauchen Chefs, die um fünf Uhr sagen, sie müssten nun gehen. Oder: Die Sitzung möge erst um 8.15 Uhr beginnen, damit sie die Kinder noch zur Schule bringen können."

Wilma Borghoff ist "Diversity Manager". Auf solche Anglizismen hören inzwischen viele Menschen in europäischen Konzernen. Von Glaxo bis Ford, von Ikea bis zur Commerzbank wurden Führungskräfte eingesetzt, die sich eigens der Vereinbarkeit von Beruf und Familie widmen sowie die Unterschiedlichkeit der Belegschaft fördern sollen. Gleichzeitig gründeten sich Firmen wie Family Horizons oder Ceridian in Großbritannien und - schon 1992 - Gisela Erlers Familienservice GmbH in Deutschland, die Betriebe dabei beraten, wie sie familienfreundlich werden können.

"Die Arbeitskräfte von morgen werden danach fragen, wie viel Zeit fürs Private ihnen der Job lässt", sagte Nikolaus Schmidt-Narischkin, Personalentwickler bei der Deutschen Bank. Eine neue Studie der OECD zur Arbeitsmarktsituation in Europa betont, dass Europas Eltern von Kleinkindern auf etwa ein Fünftel ihrer bezahlten Arbeitsstunden verzichten würden, um Zeit für die Familie zu gewinnen - wenn sie nur könnten. Zwischen der faktischen Arbeitssituation und der erwünschten besteht eine Lücke, die allen Beteiligten, eben auch den Unternehmen, als Nachteil und Kostenfaktor bewusst wird.

Unternehmen versprechen sich von der neuen Orientierung am Bedarf ihrer Mitarbeiter eine Senkung der Krankheits- und Fluktuationsquoten ebenso wie eine Steigerung der Produktivität. "Bei uns ist der Krankenstand fast lächerlich niedrig", sagt Gisela Erler über ihr eigenes Beratungsunternehmen, "wenn irgendwo der Krankenstand merklich ansteigt, ist das ein sicheres Zeichen, dass etwas mit dem Klima und dem Führungsstil nicht in Ordnung ist." Eine Untersuchung im Auftrag des englischen Beratungsunternehmens Bright Horizons Famility Solutions belegt: Die Kosten, die dadurch anfallen, dass Eltern aus familiären Gründen nicht arbeiten können, lassen sich durch Unterstützung bei der Kinderbetreuung vermeiden.

In ratlosen Aufruhr geraten ansonsten vernünftige Eltern besonders, wenn die Schulferien ausbrechen. Natürlich: Wer, wenn nicht sie, soll in den 13 Ferienwochen des Jahres die Kinder betreuen? Das Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit in Erfurt, jüngst von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung preisgekrönt, hat daher für die Kinder der Mitarbeiter eine Betreuung während der Schulferien organisiert. Auch eine kleine Erinnerung daran, dass die neuen Länder, als sie noch DDR hießen, schon einmal weiter waren.

Moderne Familien sind auf Flexibilität am Arbeitsplatz angewiesen, um nicht aus familiären Gründen ausscheiden oder anderswo anheuern zu müssen. Genau das muss heute ein Arbeitgeber fürchten, der sich der Loyalität seiner qualifizierten Mitarbeiter zu sicher wähnt. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass die Kompetenzen, die einer in der Familie erwirbt, auch dem Unternehmen zugute kommen: die Fähigkeiten, im Team zu arbeiten etwa oder Verantwortung zu übernehmen, Zeit effektiv organisieren zu können.

Noch aber sorgt die Stressbelastung von Eltern dafür, dass viele mit der doppelten Anforderung von Beruf und Familie kaum zurechtkommen. Studien, die das Beratungsunternehmen Ceridian in England in Auftrag gab (vergleichbare Untersuchungen für Deutschland fehlen), kommen zu einem alarmierenden Ergebnis: Vier von zehn Befragten, besonders junge, geben an, überlastet zu sein; fast die Hälfte würde sofort den Job wechseln, um Lebensqualität zu gewinnen; fast 80 Prozent wünschen mehr Zeit für Kinder und Partner; die Hälfte der Frauen klagt über mangelnden Schlaf; ein Drittel der Befragten sagt, sie hätten die Kontrolle über ihr Leben verloren. Die Mehrheit der Frauen klagt über Konzentrationsschwierigkeiten am Arbeitsplatz, die mit häuslichen Problemen zusammenhängen. Kein Wunder, wenn man sich bei der Arbeit fragen muss, ob der Siebenjährige heute, wie verabredet, von der Nachbarin abgeholt wurde oder ob er vergessen hat, wo der Treffpunkt sein sollte, und nun durch die Flure irrt.

Es sind vor allem vier Methoden, die Unternehmen nutzen, um die Eltern zu entlasten: Flexible Arbeitszeiten und freiwillige Teilzeitarbeit. Freistellung. Unterstützung bei der Betreuung von Kindern und Alten. Schließlich die Fortbildung und Information.

"Die Zeit, die einer in der Firma verbringt, ist kein Indikator für Qualität", sagt Hartmut Kämpfer, Personalentwicklungschef von BMW, und plädiert deshalb dafür, dass Arbeitgeber und Angestellte statt auf Anwesenheitsstunden auf die Ergebnisse der Arbeit sehen sollten. Immerhin 300 verschiedene Arbeitszeitkonzepte erprobt der Autokonzern inzwischen und schuf in den vergangenen Jahren 1100 Telearbeitsplätze, die zu 70 Prozent von Männern genutzt werden - ob als aktive Väter, als Privatgelehrte, die nicht durch Kindergeschrei gestört werden wollen, oder ob als einsame Arbeitssüchtige, steht dahin.

Die Beruf & Familie gGmbH, Tochter der Hertie-Stiftung und seit 1995 befasst mit dem so genannten Audit, die Unternehmen in der familienbewussten Gestaltung ihrer Personalpolitik hilft, hat inzwischen mehr als 140 Einzelmaßnahmen für Unternehmen zusammengetragen, die für den Arbeitgeber kostengünstig und für die Familien nicht mit unfreiwilligen Einkommenseinbußen verbunden sind.

Für Länder wie Großbritannien, die Vereinigten Staaten, auch Japan und Australien, die traditionell schwache staatliche Unterstützung bei der Kinderbetreuung und ebenso schwachen gesetzlichen Schutz von Elternschaft kennen, ist gut erforscht, welche Typen von Unternehmen in der Lage und bereit sind, einen Teil der familiären Last zu schultern: zum einen der öffentliche Sektor, der überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigt und den Tücken des Marktes weniger ausgesetzt ist, zum anderen Großunternehmen, weiterhin Betriebe mit hoch qualifiziertem technischen Personal, schließlich solche, die rechtsverbindliche Gleichstellungsregelungen getroffen haben.

In Deutschland, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf & Familie gGmbH, lässt sich das familienbewusste Unternehmen nicht typisieren. "Innovativ sind sie quer durch alle Branchen und Größen, vom kleinen Steuerberaterbüro über das High-Tech-Unternehmen bis zur Großbank. Aber gemeinsam ist ihnen allen: Sie haben begriffen, dass sie auf das Engagement ihrer Mitarbeiter angewiesen sind." Und das hätten die anderen Betriebe nicht begriffen, nicht nötig? "Bei vielen ist der Leidensdruck noch nicht groß genug", sagt Becker, "und viele sind noch unzureichend informiert."

Auf Seminaren für Führungskräfte hört er oft, die Instrumente der Teilzeitarbeit und des Betriebskindergartens seien fürs Unternehmen zu teuer. Die Alternativen sind kaum bekannt: etwa die Kooperation mit örtlichen Kinder- oder Alteneinrichtungen, in denen man Betreuung für Angehörige von Mitarbeitern buchen oder die Öffnungszeiten auf deren Bedürfnisse abstimmen kann. Wie sich denn ein Unternehmen informieren könne? Becker, der selbst in jeder Arbeitswoche zwischen dem heimischen Büro, den Pflichten als Vater und dem Büro in Frankfurt pendelt, verweist auf die Website: www.beruf-und-familie-de.

Wer allerdings - wie die Unternehmensberatungsfirma Roland Berger, deren Mitarbeiter für den Job ebenso viel Zeit wie Beweglichkeit aufbringen müssen - viele Singles in seinen Reihen hat, für den stellt sich das Problem der Work-Life-Balance nicht eben dringend. Der Anteil der Männer bei Roland Berger beträgt international 80 Prozent, im Schnitt sind sie um die 30 Jahre alt, und wenn sie eine Auszeit nehmen (die Firma bietet unbezahlte Sabbaticals bis zu sechs Monaten an), dann häufig eher für die Weltreise als um der Vaterschaft willen. "Unternehmensberatung ist ein Job, der oft nur für eine gewisse Zeit, für etwa drei bis fünf Jahre, ausgeübt und als Karrieresprungbrett gesehen wird", sagt Christiane Boock aus der Münchner Berger-Zentrale. Deshalb sind derzeit von den etwa 850 Mitarbeitern in Deutschland nur rund 25 im Sabbatical, ganze vier von ihnen aus familiären Gründen.

Viele informelle Regelungen

Weil gerade kleine und mittelständische Unternehmen oft informelle Regelungen mit ihren Mitarbeitern treffen, gibt es keine verlässlichen Zahlen über die Familienfreundlichkeit der drei Millionen Unternehmen in Deutschland. An den Wettbewerben, die der Bund, die Länder oder andere Träger ausschreiben, nahmen nie mehr als 300 Firmen teil, und das breite Spektrum der Preisgekrönten belegt Beckers These, dass es Unternehmen jeden Typs sind, die sich ernsthaft um eine Änderung der Unternehmenskultur bemühen.

Die Freiburger Holzwerkstatt etwa, ein ökologischer und baubiologischer Schreinerbetrieb mit nur sieben Beschäftigten, vom Familienministerium preisgekrönt für seine Väterfreundlichkeit, stellt Väter für Familienaufgaben frei. Die Arbeitszeit teilen sich die Mitarbeiter in Absprache miteinander eigenverantwortlich ein. Und das Unternehmen zahlt - bei vollem Lohnausgleich - ein eigenes Kindergeld in der Währung, die zählt: in erlassenen Arbeitsstunden. Der Vater arbeitet weniger, die Zeit kommt der Familie zugute, und der Lohn bleibt der gleiche.

Oder das Beispiel eines größeren Betriebes mit 2250 Beschäftigten: Die Dortmunder Versicherungsfirma Continentale bietet nicht nur 350 Arbeitszeitmodelle und eine steigende Anzahl von Telearbeitsplätzen an, sondern zudem die Möglichkeit, sich Sonderleistungen wie das Weihnachtsgeld in Familienzeit auszahlen zu lassen. Und der mittelständische Elektronikbetrieb Mazet in Jena zählt unter seinen Mitarbeitern ungewöhnlich viele Väter, die durch flexible Arbeitszeit und Telearbeitsplätze nachweislich Zeit für die Familie gewinnen. Arbeitszeitschwankungen von 150 Stunden können, aufs Jahr verteilt, ausgeglichen werden.

Es gehört nun zur eigentümlichen Situation Deutschlands mit seiner mittelmäßigen Frauenbeschäftigungsrate, dass ihm die OECD im europäischen Vergleich besonders familienfreundliche Unternehmen attestiert: Über ihre gesetzlichen Verpflichtungen hinaus kommen sie sowohl im Krankheitsfall von Kindern als auch in Sachen Mutterschafts- und Elternurlaub ihren Beschäftigten weiter entgegen als die Vergleichsländer. Eine ambivalente Sonderstellung: Denn erstens beschäftigen sie eben relativ wenig Frauen, zweitens sind sie bei der betrieblichen Kinderbetreuung nur Mittelmaß. Hier sind die Niederlande unübertroffen: Dort gibt die Regierung den Unternehmen Anreize, in privaten Betreuungseinrichtungen Plätze für die Kinder der Beschäftigten zu bezahlen, um für die Eltern selbst die Kosten der Betreuung zu senken. Außerdem sind die Niederlande führend in der Versorgung mit Teilzeitarbeitsplätzen auf freiwilliger Basis.

In Deutschland ist es gerade die umkämpfte Aufgabenverteilung zwischen Staat und Privatwirtschaft, die das Land im Vergleich mit seinen Nachbarn als familienfreundlichen Standort erscheinen lässt: Die OECD rechnet etwa das neue Teilzeitarbeitsgesetz, auch die großzügige Elternzeitregelung dem Staat als Leistung an - trotz des leidigen Mangels an Hortplätzen für Schulkinder, trotz des leidigen Disputs um die dramatisch schlechte Ausstattung der Bundesrepublik mit Kindergartenplätzen (nur 30 Prozent der Plätze sind auf Ganztagsbetreuung ausgelegt, kosten im Schnitt 110 Mark monatlich pro Kind, für so genannte Gutverdienende bis zu 750 Mark). Die Unternehmerverbände wiederum meinen unter Verweis auf das Lob, das ihnen die OECD zollt, sie hätten des Guten genug getan, nun sei der Staat an der Reihe.

Und wenn Familienfreundlichkeit im kühlen Deutschland als Standortfaktor berühmt würde? Wenn die Besten von überall hier arbeiten wollten, weil sie sicher wären, ihr Leben in Deutschland nicht in Stücke zerreißen zu müssen? Eines ist jedenfalls sicher: Einstweilen hält nur eine Minderheit das Glück in Händen, ob als Frau oder Mann, von allem etwas zu haben - einen qualifizierten Beruf, eine Familie und ein wenig Zeit füreinander.

Zeit: dasjenige Gut, das in Europa geschätzt wird, weil es das Individuum davor zu schützen vermag, rundum verwertet zu werden. Zeit für Kinder: dasjenige Gut, das besonders im deutschen Normengefüge hohe Wertschätzung genießt, wenngleich es bisher vor allem weibliche Zeit ist. Aber warum sollte man nicht den Fachkräften aus aller Herren Länder künftig anbieten, ihre Qualifikation in einem Land auszuüben, in dem Kinderfreundlichkeit herrscht?

Noch sind es vor allem die Hochqualifizierten, um die sich die Unternehmen bemühen, noch klagt die OECD, gerade schlecht ausgebildete Frauen mit niedrigem Einkommen würden als Mütter vom Arbeitsmarkt abgehängt, statt in den Genuss familienfreundlichen Beistands zu kommen. Das ergäbe in der Tat ein gespenstisches Bild: Die einen hätten einen einträglichen Beruf, die anderen in Abhängigkeit vom Staat Kinder, die dritten, ohne Erwerb und Familie, hätten nur Zeit. Und eine Minderheit besäße das Privileg der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Bildung, vielleicht ein wenig Muße dazu.

Familie und ein ausgewogenes Leben: Das wäre ein Luxusgut. Aber schon wird in manchen Unternehmen auch über die Familien mit niedrigem Einkommen nachgedacht. Die stille Revolution hat erst begonnen.

Quelle: Zeit 46/2001

    

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