Eheseelsorge.Net
Der optimistische Ansatz zur Ehe und Familie
Damit
Gutes bleibt 
[home] [Information] [Ehe] [Familie] [        ] [Verschiedenes] [Impressum]

[NEWS]

Rosenkriege

"Es ist schwer, über den eigenen Schatten zu springen"

Sie will reden. Er nicht. Sie klagt. Er brummelt. Sie motzt. Er schweigt und flüchtet. Sie schreit und flucht. Warum streitet ein Paar bis zum nächsten Kuss, das andere bis zur gegenseitigen Vernichtung?

Seit 1972 erkundet der amerikanische Ehe-Forscher John Gottman an der Universität Washington mittels Kamera, Mikrofon und Pulsfrequenzmesser, was ein Paar im Innersten zusammenhält. Der Mathematiker James Murray bastelte aus Gottmans Ergebnissen eine Formel, die den Forschern zufolge bei über 700 Testpaaren eine Scheidung in 94 von 100 Fällen korrekt vorhersagte: Man verrechne die Gefühlslage ohne Partner mit der emotionalen Wirkung der Partner aufeinander, Minuspunkte für Kommunikationssünden wie Jammern und Spotten und Pluspunkte für kommunikationsförderliches Verhalten wie Lächeln und Einfühlen, – fertig ist die Eheprognose.

 

„Die vier apokalyptischen Reiter“ nennt Gottman die Kommunikationssünden, die eine Ehe auf Dauer ruinieren: Ein grober Auftakt, Anklagen und Schuldzuweisungen gipfeln in einer generellen Verurteilung des Partners (1); begleitend sorgen spöttische oder abschätzige Bemerkungen dafür, dass die Kommunikation weiter auf den Abgrund zusteuert (2).

Rechtfertigungen helfen nicht, die Abwärtsspirale aufzuhalten (3). Die Tür fällt endgültig zu, wenn ein Partner, vom Stress überflutet, die Schotten dicht macht (4). Gelegentlich schauen die vier apokalyptischen Reiter auch in glücklichen Ehen vorbei, beruhigt Gottman jene, die sich wiedererkennen.

Erst ihr dauerhafter Einzug verurteile 90 Prozent der Ehen zum Scheitern. Dann nämlich schlagen auch Rettungsversuche wie Einlenken fehl: Sie werden kaum mehr wahrgenommen. Von später geschiedenen Paaren ignorierten in einer Studie 82 Prozent der Männer die Brückenschläge ihrer Frau, 50 Prozent der Frauen die ihres Mannes – versus 19 und 14 Prozent der nicht-geschiedenen.

Noch vielsagender ist laut Gottman, wie ein Paar seine Vergangenheit erinnert. 94 Prozent derer, die ihre Beziehungsgeschichte spontan positiv schildern, erwarte auch eine glückliche Zukunft. Unglückliche Paare erinnerten sowohl weniger als auch negativere Ereignisse, da sie sich auf die Fehler des Partners konzentrierten.

Gottmans Fazit: Auch glückliche Paare schreien und knallen die Türen. Das Streiten an sich sage wenig aus, vielmehr, ob beide auf dieselbe Weise mit Konflikten umgehen – hitzig streiten, dem Streit aus dem Weg gehen oder konstruktiv diskutieren. Die eine „richtige“ Konfliktlösungsmethode sei ein Mythos.

Mit dem Versuch, das Scheidungsrisiko frühzeitig zu erkennen, ist Gottman nicht alleine. Rund 50 000 Eheberater, Pfarrer und Seelsorger weltweit empfehlen heiratswilligen Paaren den Prepare-Enrich-Test.

Über eine Million Paare haben bisher an dem Verfahren teilgenommen. Der Entwickler, der US-Eheforscher David Olson, gibt an, mit Hilfe des 1986 veröffentlichten Fragebogens in rund 85 von 100 Fällen korrekt vorhersagen zu können, ob ein Paar glücklich oder unglücklich verheiratet sein oder geschieden werde.

Liebe sei dagegen kein gutes Kriterium für die Prognose, ob eine Ehe erfolgreich werde, sagte Olson in einem Gespräch mit dem christlichen Magazin „Chrisma“ (10/2000). In einigen Regionen der USA trauen Pfarrer nur noch Paare, die zuvor den Test absolviert haben.

Wie das Ergebnis ausfällt, spielt allerdings keine Rolle; die Sorge gilt einer realistischen Aussicht auf die Ehe. In Deutschland sind in der Anwendung des testtheoretisch solide fundierten Verfahrens rund 1250 Anwender geschult; Normwerte aus dem deutschsprachigen Raum liegen laut Andreas Bochmann, der die Rechte an der deutschen Version hält, von rund 1000 Paaren vor.

Ein Anwender und zugleich Ausbilder für das Verfahren ist Joachim Lask, der in Mühltal bei Darmstadt in seiner Psychologischen Praxis Eheberatungen anbietet. Er erläutert das Prinzip: Die Partner kreuzen unabhängig voneinander die Antwortalternativen zu je 165 Fragen an, zum Beispiel „Die meisten Entscheidungen treffen wir gemeinsam“.

Die beziehungsrelevanten Themen sind: Erwartungen an die Ehe, Persönlichkeit, Kommunikation, Konfliktlösung, Finanzen, Freizeit, Sexualität, Kinder, Familie und Freunde, Rollenverständnis und Glauben. Zurückgemeldet werden Ergebnisse zur Persönlichkeit, ein Strukturmodell von Paarbeziehung und Herkunftsfamilie, und die Übereinstimmung der Paare in beziehungsrelevanten Themen.

Eine hohe Übereinstimmung von 80 Prozent deutet auf ein geringes Scheidungsrisiko hin. Und wenn das Paar nur wenig übereinstimmt? „Ich sage nie: Sie sollten nicht heiraten“, sagt Eheberater Lask, „sondern: Sie haben eine gute Chance, wenn Sie an bestimmten Themen arbeiten.“

Robert und Sabine (Namen von der Redaktion geändert) sind ein solches Paar. Robert ist 50 Jahre alt und gewohnt, Entscheidungen nur mit sich selbst auszumachen. Seit zwei Jahren ist er verheiratet, und seine Frau möchte mitreden.

Doch er entscheidet alleine – ohne sie miteinzubeziehen. Dass sie nicht nur in dieser, sondern in vielerlei Hinsicht sehr verschieden sind, hat ihnen der Pastor schon vor der Hochzeit gesagt. Im Prepare-Enrich-Test ließ er sie über ihre Beziehung Auskunft geben.

Ergebnis: „Wir passen nicht zusammen“, konstatiert Robert. Von einem Leben zu zweit hat sie das Ergebnis nicht abgehalten.

Auf seiner Web-Site www.eheseelsorge.net weist Lask darauf hin, dass die meisten Ehen im dritten, fünften und neunzehnten Jahr geschieden werden. Die Scheidungswahrscheinlichkeit sinke über die Jahre kontinuierlich, bis zu dem Zeitpunkt, an dem das erste Kind ausziehe. Dann steige sie für kurze Zeit stark an, falle aber wieder.

Eine Studie im Auftrag des National Institute of Mental Health in den USA zeigte, dass sich die Trennungsgründe von früh und spät geschiedenen Paaren unterschieden. In der ersten kritischen Periode bis zum siebten Jahr folgte die Trennung auf einen offenen, emotionsgeladenem Kampf.

Die zweite kritische Periode in der Lebensmitte kennzeichnen Entfremdung, unterdrückte negative Gefühle und mangelndes Interesse aneinander. Wenn die Partner diese Leere – oft beim Auszug der Kinder – realisieren, suchen sie anderswo Erfüllung – zum Beispiel in einer Affäre. Von einer Eheberatung profitieren die offen streitenden Paare mehr, weil in ihrer Beziehung noch Feuer ist, so die Studie.

Grund genug, für eine glückliche Partnerschaft zu kämpfen, ist auch die Gesundheit. Eine unglückliche Ehe oder Scheidung verkürzt das Leben um rund vier Jahre, informiert Gottman. Ursache sei der chronische Stress, der Bluthochdruck und Herzerkrankungen begünstige und das Immunsystem schwäche.

Partner pflegen zudem einen gesundheitsbewussteren Lebensstil, schicken einander zum Arzt und sorgen für den anderen. „Der menschliche Körper reagiert auf dieselbe Weise, ob Sie nun einem Säbelzahntiger gegenüberstehen oder einer mit Verachtung argumentierenden Person“, erläutert Gottman.

Da es für den Mann in der Entwicklungsgeschichte überlebensnotwendiger war, anhaltend alarmbereit zu sein, sobald sich ein Raubtier näherte, reagiere er noch heute stärker als die Frau mit einem Anstieg von Adrenalinspiegel, Blutdruck und Herzfrequenz. So begründet Gottman, dass es in 85 Prozent der Fälle der Mann ist, der sich aus einem Streit ausklinkt, den Raum verlässt oder in eine scheinbar emotionslose Starre verfällt.

Um eheliche Gespräche von Beginn an auf den rechten Weg zu bringen, bieten Seelsorger, Eheberater und -therapeuten Ehevorbereitungskurse an. Der Dreitages-Workshop „Kiss“ übt neben Kommunikation auch Stressmanagement, stößt Gespräche über gemeinsame Lebensziele an.

Nach drei Jahren sind unter den Paaren, die an diesem Workshop teilnahmen, 20 Prozent weniger (als in der Kontrollgruppe) geschieden, berichtet Anbieter Joachim Lask. Das Prinzip klingt einfach: Kritik anhand konkreter Ereignisse beschreiben, in einer Frage nicht schon die Antwort verpacken, das Verstandene rückmelden, nachfragen. Das Problem bleibt allerdings der dauerhafte Transfer in den Alltagskrach.

In diesem Winter sind Robert und Maria zwei Jahre verheiratet. „Es ist so, wie es der Test vorhergesagt hat“, räumt er ein. „Er hat so manches Übel aufgedeckt.“

Nun versuchen sie umzusetzen, was der Pastor ihnen nahe legte: Mehr miteinander reden, genauer heraushören, was der andere wünscht, die Meinung des anderen stärker berücksichtigen, gemeinsam entscheiden. Ob das gelingt? „Es ist schwer, über den eigenen Schatten zu springen.“

 

    

(c) eheseelsorge.net, 2000-2008