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Singen als Mutprobe

Eine Kindergartenstudie der TU Braunschweig 

Pressemeldung der UNI Braunschweig vom 23.12.2004

Bereits dreijährige Kinder haben zum Teil große Hemmungen, allein vor anderen ein Lied vorzusingen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie am Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig. Das zögerliche Verhalten der Kinder beim Singen hebt sich demnach deutlich von ihrem Umgang mit anderen Aufgabenarten ab. Die Forscher vermuten, dass der Grund hierfür selbstbewertende Gefühle wie Scham, Schüchternheit, Verlegenheit oder Stolz sind. Sie scheinen beim Singen eine größere Rolle zu spielen als bei anderen Tätigkeiten.

86 Kinder aus zwei Braunschweiger Kindergärten haben seit dem Jahr 2000 an der Untersuchung teilgenommen, die jetzt abgeschlossen wurde. Dazu wurden zum einen Drei- und Vierjährige und, in einer anderen Gruppe, Sechsjährige im Rahmen eines Spiels aufgefordert, unterschiedliche Aufgaben zu lösen. Während Wissensaufgaben, Sinnesaufgaben mit einer Fühlbox und Bewegungsaufgaben ohne Schwierigkeiten bewältigt wurden, kamen viele Kinder beim Vorsingen ins Stocken.

"Sprechen und Singen haben gemeinsame Wurzeln", betont Prof. Werner Deutsch, Leiter der Abteilung Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der TU Braunschweig. "Zu Beginn der Entwicklung sind beide Ausdrucksformen eng miteinander verbunden. Während aber fast alle Kinder bis spätestens zum sechsten Lebensjahr sprechen lernen, wird längst nicht jedes ein guter Sänger oder eine gute Sängerin. Dabei gehört das Singen zu den besten Fördermaßnahmen, die es für die Entwicklung der Persönlichkeit gibt. Kinder, die gern singen, trauen sich auch später in anderen Zusammenhängen eher zu, selbstbewusst ihre Stimme zu erheben."

Der Text gibt den "Ton" an

Um ein Lied aus dem Gedächtnis zu reproduzieren, nutzten die Kinder in der Studie vorwiegend sprachliche und weniger musikalische Fertigkeiten. Beim Singen achteten sie vor allem auf den Text, während die Wiedergabe der Melodie unbewusst erfolgte. Die Reimstruktur spielte unterdessen bei allen Kindern eine große Rolle: Wenn sie vom Originaltext abwichen, erhielt der Reim ein stärkeres Gewicht als der Sinn.

"Wir haben unter anderem aufgezeichnet, wie die Kinder das Lied 'Hopp hopp hopp, Pferdchen lauf Galopp' vorsangen. Dabei konnten wir feststellen, dass in den meisten Fällen die Melodie des Liedes mindestens grob erkennbar war. Auch der Rhythmus wurde in der Regel gut eingehalten. Die Höhe und Gleichmäßigkeit der Töne dagegen waren häufig unvollkommen," so Grit Sommer, die gemeinsam mit der Linguistin Dr. Christliebe El Mogharbel die Studie in den Kindergärten durchgeführt hat. "Je älter die Kinder waren, desto besser konnten sie die Lieder vollständig wiedergeben. Die Situation, alleine in Anwesenheit anderer ein Lied vorzusingen, stellte für fast alle Kinder eine Herausforderung dar, die oft mit Hemmungen und Stressanzeichen einhergeht."

Singen fördert die Persönlichkeit

"Das ist bedauerlich, weil Singen eigentlich sehr lustvoll ist", kommentiert Prof. Deutsch die Ergebnisse. "Nachweislich werden dabei Emotionen erheblich stärker geweckt als beim Sprechen, diverse Bereiche des Gehirns werden gleichzeitig aktiviert. Singen macht Sinn, weil es Kinder in vielfacher Hinsicht positiv beeinflusst." Daher sollten Eltern, so der Psychologe, zu Hause mit den Kindern bei jeder Gelegenheit gemeinsam singen. Lieder sollten möglichst nicht nur beiläufig gelernt, sondern oft wiederholt werden. Dabei sei es weniger wichtig, wie viele Lieder die Kinder singen können. Auch sollten die Eltern nicht korrigieren, wenn der Text nicht in Ordnung ist. "Es ist wichtig", so das Fazit von Deutsch, "dass in der aktuellen Bildungsdebatte die emotionale Entwicklung der Kinder, wie sie beispielsweise durch das Singen gefördert wird, nicht zu kurz kommt."

 

    

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