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Hörschäden bei Schüler/innen der Mittelstufe durch Musik- & Freizeitlärm
 

Schlüsselbegriff

Gehörrisiko durch Freizeitlärm

Ressort, Institut

Bundesministerium für Gesundheit (BMG)

Auftragnehmer

Unabhängiges Institut für Umweltfragen UfU e.V., Berlin

Projektleiter

Neyen, Susanne

Autor(en)

Neyen, Susanne

Beginn

01.09.1999

Ende

30.11.1999

Quelle: Budesministerium für Gesundheit, 2000

Vorhabensbeschreibung, Arbeitsziele
Die Kommission “Soziakusis” (Zivilisations-Gehörschäden) des Umweltbundesamtes erklärte im Januar 1995, dass “nach dem heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand die Gefahr einer bleibenden Gehörschädigung durch überlautes Musikhören gegeben ist”.

Es besteht jedoch die Vermutung, dass neben hoher Musikbelastung noch andere potentielle hörschädigende Lärmquellen im Freizeitbereich der Kinder und Jugendlichen existieren

Laut HOFFMANN,E. gehören Silvesterknaller und Spielzeugpistolen zu den weit verbreiteten Hörrisiken. Der damit verbundene Impulslärm verursacht hauptsächlich unilaterale Hörschäden und ist wegen des hohen Pegels, der Impulshaftigkeit und der im allgemeinen unmittelbaren Nähe zur Schallquelle als besonders gefährlich einzustufen.

Ziel der vorliegenden empirischen Studie ist die Klärung der Frage, inwieweit neben der Belastung durch laute Musik noch andere lärmintensive Freizeitbeschäftigungen bei Kindern und Jugendlichen Hörschäden und Tinnitus hervorrufen. Es galt diese lärmintensiven Beschäftigungen aufzufinden und zu ermitteln, in welchem Maße sie eine Rolle im Freizeitverhalten der Jugendlichen der verschiedenen Altersstufen spielen sowie das Ausmaß der durch sie verursachten Hörschäden abzuschätzen.

Des weiteren wurden die Schüler/innen zum Thema: “Lärm und Hörschäden” zwecks Prävention und Aufklärung informiert und den Lehrer/innen Unterrichtsmaterialien für das weitere Arbeiten am Thema zur Verfügung gestellt
 

Durchführung, Methodik
Das Projekt wurde während eines Zeitumfangs von 3 Monaten in 6 Berliner Oberschulen (2 Gymnasien, 2 Realschulen, 1 Gesamtschule, 1 Hauptschule) durchgeführt. Hauptsächlich Schüler/innen im Altersbereich von 12-14 Jahren nahmen an dieser empirischen Studie teil. Die Untersuchung umfaßte die audiometrische Screening-Audiometrie (1, 3, 4, 6, 8, 12,5 15 kHz) aller Testpersonen sowie die unmittelbare Befragung mittels Fragebogen bezüglich des individuellen Freizeitverhaltens unter besonderer Berücksichtigung des Umgangs mit impulsschallerzeugendem Spielzeug bzw. pyrotechnischen Erzeugnissen und der Nutzung von Computerspielen unter Kopfhörern. Um bisher unbekannte weitere potentielle Hörrisikoquellen aufzufinden, wurden die Probanden gebeten, alle Ereignisse nach denen sie unter Tinnitus oder Vertäubung litten zu benennen. (Auflistung der genannten Ergeignisse siehe Tab. 6)

Das durch die Audiometrie und Befragung gewonnene Datenmaterial wurde unter Nutzung der Software “Statistica” analysiert.

Zur Untersuchung des Einfluß des lauten Musikkonsums und anderer lärmintensiven Freizeitaktivitäten wurde die gesamte Testgruppe unter Bezugnahme der beantworteten Fragebögen in drei Expositionsgruppen eingeteilt: Teilnehmer/innen mit keiner oder geringer Belastung durch Diskothekbesuche oder Musikhören wurden als Kontrollgruppe definiert (95), Teilnehmer mit mindestens einem Diskothekbesuch pro Woche bzw. einem Musikkonsum mit hoher Lautstärke von mindstens 8h/Woche wurden als Extremgruppe definiert (57) und die restlichen Teilnehmer der mittelmäßig exponierten Gruppe (233) zugeordnet

 

Ergebnisse, Schlussfolgerungen
Die Audiometriebefunde und zugehörigen Fragebögen von 385 Schüler/innen konnten ausgewertet werden.

Da größtenteils komplette Schulklassen in die Untersuchung einbezogen wurden, konnte eine hohe externe Validität erreicht werden, jedoch ist die Studiengruppe nicht repräsentativ, so dass die Ergebnisse nicht auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands extrapoliert werden können.

Bei 15,4% (59) der Teilnehmer/innen wurden Hörschwellenverschiebungen größer als 20 dB im Bereich von 3-6 kHz festgestellt, wobei diese bei 76% (45) nicht größer als 30 dB lagen.


- Etwa 10% der Probanden gaben an, Computerspiele unter Benutzung von Kopfhörern zu spielen. Die durchschnittliche wöchentliche Spielzeit betrug bei 3,6% der Teilnehmer mehr als 5 Stunden.

Es wurden signifikante Beziehungen bezüglich des Geschlechts und der Nutzung derartiger Spiele sowie der Benutzungshäufigkeit gefunden. Bei Schüler/innen, die Computerspiele unter Kopfhörer betreiben, wurden im Bereich der c5-Senke (3-6 kHz) in Abhängigkeit von der Benutzungshäufigkeit signifikant mehr Hörschwellenverschiebungen diagnostiziert als bei den nichtspielenden Mitschüler/innen. (Tab. 1 & 2)

77% der untersuchten Teilnehmer/innen hatten schon Umgang mit Spielzeugpistolen, 31 % litten daraufhin an zeitweiligen Tinnitus oder Vertäubung.

Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Umgang mit derartigem Spielzeug und dem Geschlecht. Ca. 20% mehr Jungen als Mädchen hatten Kontakt mit Knallpistolen und 37% der Jungen litten daraufhin an Tinnitus (14% mehr als bei den Mädchen). Letztgenannter Zusammenhang zwischen Geschlecht und auftretendem Tinnitus nach dem Gebrauch von Spielzeugpistolen stellte sich ebenfalls als signifikant heraus. Es wurde jedoch kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Benutzung von derartigem Spielzeug und dem Auftreten von Hörschäden nachgewiesen.

- 62% der Schüler/innen gaben an, aufgrund von Silvesterknallern schon an Tinnitus gelitten zu haben, wobei der Anteil der Jungen doppelt so hoch wie der der Mädchen liegt (signifikant).

- Das Hören von lauter Musik erweist sich als Hauptrisikofaktor bei der Entstehung von Hörschäden und Tinnitus.

Signifikante Beziehungen bezüglich der Entstehung von Tinnitus bestehen zur Benutzung von Kopfhörern, der gehörten Lautstärke, der Musikhördauer und der Musik-Lebensexposition. Tinitus durch Musikexposition erwies sich als signifikante Beziehung für die Entstehung von Hörschäden im Bereich der c5-Senke. Besonders im Hochtonbereich bestehen signifikante Beziehungen zwischen der Entstehung von Hörschäden und der Höhe der Musikexposition durch Diskotheken oder durch das Musikhören.

Als besonders gefährlich erwiesen sich Kombinationsbelastungen von hoher Musikexposition und anderen lärmintensiven Freizeitinteressen. Die Probanden mit hoher Musikbelastung und zusätzlich hoher Exposition durch Computerspiele mit Kopfhörern oder Spielzeugpistolen oder Silvesterknallern, wiesen signifikant häufiger Hörschäden auf, als die weniger exponierten Teilnehmer. (Tab. 3,4 & 5)

- Aufgrund der oben genannten Ergebnisse erweist es sich als erforderlich, den Impulslärm von Spielzeugpistolen und Silvesterknallern zu mindern sowie die Höhe der Musikexposition durch eine Regelung der Diskotheken- und Walkmanpegel zu verringern.

Desweiteren muß der Wissensstand der Schüler/innen über mögliche Gefahren und Konsequenzen bezüglich eines lärmintensiven Freizeitverhaltens als mangelhaft bezeichnet werden. Intensive Aufklärung seitens der Lehrer oder durch andere schulische oder außerschulische Maßnahmen werden als unabdingbar angesehen.

 

Tabellen

Tab.1:
Beziehung zwischen dem Auftreten von PTS und dem Gebrauch von Computerspielen mittels Kopfhörern

Computerspiele unter Benutzung von Kopfhörern
 

nein
 

ja
 

¥S
 

Keine PTS (C5) (3-6kHz)
 

276 (85,7%)
 

26 (72,2%)
 

302
 

PTS<=30 dB
 

38 (11,8%)
 

6 (16,7%)
 

44
 

PTS>30 dB
 

8 (2,5%)
 

4 (11,1%)
 

12
 

Gesamt
 

322
 

36
 

358
 

keine PTS (3-15kHz)
 

212 (65,8%)
 

21 (58,3%)
 

233
 

PTS<=30 dB
 

75 (23,3%)
 

10 (27,8%)
 

85
 

PTS>30 dB
 

35 (10,9%)
 

5 (13,9%)
 

40
 

Gesamt
 

322
 

36
 

358
 

Tab.2:
Beziehung zwischen dem Auftreten von PTS und der Höhe der durchschnittlichen Benutzung vom Computer mit Kopfhörern

PTS (3-6kHz)
 

kein Computerspiel
 

1h -5h/Woche Computerspiele
 

mind. 5h/Woche Computerspiele
 

Nein
 

276 (85,7%)
 

15 (68,2%
 

11 (78,5%)
 

Ja
 

46 (14,3%)
 

7 (31,8%)
 

3 (21,5%)
 

Summe
 

322
 

22
 

14
 

PTS (3-15 kHz)
 


 


 


 

Nein
 

212 (65,8%)
 

13 (59,1%)
 

8 57,1%
 

Ja
 

110 (34,1%)
 

9 (40,9%)
 

6 (42,9%)
 

Summe
 

322
 

22
 

14
 

In den folgenden Tabellen 3, 4 und 5 sind die 4 verschiedenen Teilgruppen folgendermaßen definiert:

1. Teilgruppe: Disco: nein & Musik gering / kein Computer:

bisher keine Diskothekbesuche & geringe Lebens-Musikexposition (¥=365h); keine Computerspiele mit Kopfhörern

2. Teilgruppe: Disco nein & Musik gering / Computer: ja

bisher keine Diskothekbesuche & geringe Lebens-Musikexposition (¥=365h); Computerspiele mit Kopfhörern
3. Teilgruppe: Musik viel / Computer: nein

Lebens-Musikexposition (>365h) oder Discothekbesuche; keine Computerspiele mit Kofhörern

4. Teilgruppe: Musik viel / Computer: ja

Lebens-Musikexposition (>365h) oder Discothekbesuche; Computerspiele mit Kofhörern

Tab.3:
Beziehung zwischen dem Auftreten von PTS und der Kombinationsexposition von Computer mit Kopfhörern und Musik

C5 (3-6 kHz)
 

Musik gering/Disco nein

kein Computer
 

Musik gering/Disco nein

Computer: ja
 

viel Musik

kein Computer
 

viel Musik

Computer: ja
 

Nein
 

175 (87,9%)
 

14 (77,8%)
 

101 (82,1%)
 

12 (66,7%)
 

Ja
 

24 (12,1%)
 

4 (22,2%)
 

22 (17,9%)
 

6 (33,3%)
 

Gesamt
 

199
 

18
 

123
 

18
 

C5 (3-15 kHz)
 


 


 


 


 

Nein
 

141 (70,8%)
 

12 (66,7%)
 

71 (57,7%)
 

9 (50%)
 

Ja
 

58 (29,2%)
 

6 (33,3%)
 

52 (42,3%)
 

9 (50 %)
 

Gesamt
 

199
 

18
 

123
 

18
 

Tab.4:
Beziehung zwischen dem Auftreten von PTS und der Kombinationsexposition von Musik und der Benutzung von Spielzeugpistolen mit Tinnitusfolge

C5 (3-6 kHz)
 

Musik gering/Disco nein

kein Spieltinnitus
 

Musik gering/Disco nein

Spieltinnitus:ja
 

viel Musik

kein Spieltinnitus
 

viel Musik

Spieltinnitus: ja
 

Nein
 

154 (87,5%)
 

41 (87,2%)
 

93 (81,8%)
 

36 (78,2%)
 

Ja
 

22 (12,5%)
 

6 (12,8%)
 

21 (18,2%)
 

10 (21,8%)
 

Gesamt
 

176
 

47
 

114
 

46
 

C5 (3-15 kHz)
 


 


 


 


 

Nein
 

124 (70,4%)
 

33 (70,2%)
 

64 (56,1)
 

23 (50%)
 

Ja
 

52 (29,5%)
 

14 (29,8%)
 

50 (43,9%)
 

23 (50%)
 

Gesamt
 

176
 

47
 

114
 

46
 

Tab.5:
Beziehung zwischen dem Auftreten von PTS und der Kombinationsexposition von
Tinnitus durch Impulslärm (Silvesterknaller u.ä.) und Musik

C5 (3-6 kHz)
 

Musik gering/Disco nein

kein Silvestertinnitus
 

Musik gering/Disco nein

Silvestertinnitus
 

viel Musik

kein Silvestertinnitus
 

viel Musik

Silvestertinnitus
 

Nein
 

163 (87,6%)
 

32 (86,5%)
 

104 (80,6%)
 

26 (81,2%)
 

Ja
 

23 (12,4%)
 

5 (13,5%)
 

25 (19,4%)
 

6 (18,8%)
 

Gesamt
 

186
 

37
 

129
 

32
 

C5 (3-15 kHz)
 


 


 


 


 

Nein
 

132 (70,9%)
 

25 (67,6%)
 

73 (52,5%)
 

15 (46,9%)
 

Ja
 

54 (29,2%)
 

12 (32,4%)
 

56 (47,8%)
 

17 (53,1%)
 

Gesamt
 

186
 

37
 

139
 

32
 

Tab.6:
Unter Frage 6 im Fragebogen genannte andere TTS oder Tinnitus hervorrufende Ergeignisse

Sonstige Tinnitus oder TTS hervorrufende Ereignisse
 

Anzahl der Schüler/innen
 

Impulslärm

(Schießen, Silvesterraketen, Platzen eines Luftballons)
 

69
 

Schreien, Pfeifen direkt ins Ohr
 

28
 

laute Musik in Veranstaltungen oder über Musikanlage/Walkman
 

70
 

Verkehrslärm, Lärm durch technische Geräte

(Flugzeugstart, Sirenen, Hupen)
 

15
 

(plötzliche) Luftdruckänderungen

(Schwimmen, Tauchen, Ohrfeigen etc.)
 

16
 

Summe:
 

198
 

 

Umsetzung
Das Projekt ist Bestandteil einer Initiative des Ministeriums mit dem Ziel, die Ursachen der rasch wachsenden Häufigkeit von Hörschäden bei Kindern und Jugendlichen differenziert zu ermitteln und nach Wegen zur Begrenzung der entsprechenden Risiken zu suchen. Die Ergebnisse haben die Notwendigkeit unterstrichen, den Impulslärm von Spielzeugen, Scherzartikeln u.ä. zu mindern sowie den Schalldruckpegel bei Musikveranstaltungen und in tragbaren Musikwiedergabegeräten auf ein für das Innenohr tolerierbares Maß zu begrenzen. Erste Schritte in diese Richtung sind bereits getan worden. Das Projekt hat darüber hinaus beispielhaft belegt, dass der Wissensstand der Betroffenen über mögliche Gefahren und Konsequenzen eines lärmintensiven Freizeitverhaltens erheblich verbessert werden muss. Hierzu wird derzeit mit den beteiligten Fachkreisen diskutiert, welche konkreten Maßnahmen im Schulunterricht und im Freizeitbereich Erfolg versprechen; ein entscheidender Punkt dabei wird es sein, die entsprechenden Informationen so zu vermitteln, dass die mit ihnen verbundenen Empfehlungen bei den Jugendlichen auch "Gehör" und Akzeptanz finden.

 

Literatur
HOFFMANN,E.: Hörfähigkeit und Hörschäden junger Erwachsener unter Berücksichtigung der Lärmbelastung, Median, Heidelberg, 1997

HOFFMANN,E.: Hörfähigkeit und Hörschäden junger Erwachsener aufgrund von Freizeitlärm und Musik, Z.: Lärmbekämpfung 35, 35-41
 

Quelle: Budesministerium für Gesundheit, 2000
 

    

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